Corona: Einsam schwanger

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Schwangere trifft die gesellschaftliche Ausnahmesituation mitten in einer persönlichen Ausnahmesituation. Unsere Autorin hat Vorwehen. Und ist verunsichert. Von

Die Corona-Angst macht sich zuerst in meiner Gebärmutter bemerkbar. Mein Freund und ich spazieren gerade durch einen Park, vom Waldboden steigt der Duft von Bärlauch auf, da krampft sich mein Unterleib zusammen und der Bauch wird hart. "Oh nein, ich glaube, ich bekomme gerade wieder Vorwehen", denke ich.  

Vor zwei Wochen lag ich bereits einmal mit hartem Bauch und Schmerzen zwei Tage lang zu Hause. Meine Frauenärztin sah in emotionalem Stress die Ursache: Eine sehr enge Freundin von mir war gerade gestorben, sie hatte Krebs. Dass es jetzt – mit der zunehmenden Ausbreitung des Coronavirus – wieder passieren könnte, ahnte ich bereits.

Am Vorabend hatte mich die Angst um meine Eltern, 80 und 70 Jahre alt, gepackt. Sie sind momentan in Kalifornien und unterstützen dort meine Schwester bei der Betreuung ihrer drei kleinen Kinder. Ich stellte mir vor, dass die Enkel das Virus womöglich längst in sich trugen und nun meine betagten Eltern anstecken könnten. Wie gut würden sie angesichts der schlechten Ausstattung mit Intensivbetten in den USA im Ernstfall behandelt? Wir telefonierten. Sollten sie sofort zurückfliegen? Aber auch eine Rückreise barg erhöhte Ansteckungsrisiken, Direktflüge gab es da bereits keine mehr.   

Covid-19 drängt sich auf Umwegen in meine Schwangerschaft.

Ich bin im 7. Monat, 27. Woche, schwanger. Bis zum vergangenen Wochenende hat Covid-19 mich persönlich wenig beunruhigt. Selbst im Fall einer Ansteckung deutet derzeit nichts darauf hin, dass das Virus auf das Ungeborene übertragen würde. Eine Infektion wollte ich natürlich trotzdem vermeiden, da hohes Fieber schaden könnte, aber das schien machbar.

Jetzt spüre ich, wie Covid-19 sich auf Umwegen in meine Schwangerschaft drängt. Mich beschäftigen nicht mehr Elterngeld, die Warteliste für die Kita und Babyklamotten. Sondern ob mein Kind Großeltern haben würde, wenn es auf die Welt kommt. Und ob das Netz mit Frauenarztpraxis, Geburtsvorbereitungskurs und Hebamme, das ich mir aufgebaut habe, trotz Corona hält. Ausnahmesituation Schwangerschaft trifft auf Ausnahmesituation Pandemie.

Bisher war meine Schwangerschaft überwiegend glücklich und unkompliziert verlaufen. Darüber, was in meinem Körper und mit meiner Seele gerade passiert, welche Hormone welche Stimmungsschwankungen auslösen, mir jegliche Energie rauben oder Wadenkrämpfe bescheren könnten, las ich fasziniert in den Updates zu jeder neuen Schwangerschaftswoche im Internet – und spürte selbst wenig davon. Nicht einmal in der Frühschwangerschaft musste ich mich übergeben. Kaum waren die ersten kritischen drei Monate mit ihrem hohen Fehlgeburtsrisiko überstanden, hatte ich mich entspannt. Ich erlaubte mir, mich über die ersten Knuffe im Bauch zu freuen. Um die verbleibenden Restrisiken der Natur sollten andere sich kümmern. Ich fühlte mich aufgehoben von einem zuverlässigen medizinischen System. Als Spätgebärende und damit Risikoschwangere wurde ich engmaschig überwacht und begleitet, von Profis wie von meinen Liebsten. 

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