Anzug: Bedrohte Spezies

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 1/2020

Der Anzug hat die Männermode lange Zeit bestimmt wie kaum ein anderes Kleidungsstück. Er gab dem Mann eine Silhouette, ließ ihn breiter und größer wirken. Vor allem aber war der Anzug eine Uniform: Er machte alle Männer gleich. Während die Frauen sich mit Kleidung für den Tag und Kleidung für den Abend herumschlagen mussten und mit der Entscheidung für junge oder reife Mode, brauchte der Mann nur einen Anzug. Der Anzug machte ihn alterslos, denn er wurde vom jungen Mann genauso getragen wie vom älteren. Und er war die perfekte Tarnung. Denn ob jemand Staubsaugervertreter war oder Vorstandschef – stets trug er einen Anzug. Doch das ist vorbei. Heute ist es schon ein kleines Ereignis, wenn bei einer Herrenmodenschau ein klassischer Zweiteiler gezeigt wird. Ansonsten kommt der Anzug praktisch nur noch als Zitat des Anzugs vor. Zum Beispiel als zweiteiliger Strampler in Zartrosa bei Paul Smith oder in Silbergrau mit extralangen Beinen bei Balenciaga.

Der Anzug wurde ursprünglich im 17. Jahrhundert dem Soldatenrock entliehen, im 18. Jahrhundert trug man ihn vor allem bei Hofe als prunkvollen Justaucorps. Nach 1750 nannte man ihn Habit. Viel Wert legte man damals auf prächtige Materialien und Farben. Nach dem Aufstieg des Bürgertums verdrängte allerdings der bürgerliche Frack den bunten Rock, und dieser erschien nun in einer gedeckteren Farbskala, die sich bis heute kaum geändert hat. Das hatte nicht viel mit modischen Vorlieben, sondern mit einer neuen Arbeitsteilung zu tun. Die bürgerliche Gesellschaft übernahm das Patriarchat und gestaltete es auf seine Weise, was bis heute nachwirkt: Der Mann führte die Geschäfte und zog in den Krieg. Die Frau sollte dem Mann zu Diensten sein – und darüber hinaus dekorativ.

War es im Feudalismus der Mann gewesen, der sich schmückte wie ein Pfau, kam in der bürgerlichen Gesellschaft diese Rolle der Frau zu. Ihr oblag es, den Wohlstand des Hauses zu repräsentieren, sich in feine Stoffe zu hüllen und mit Schmuck zu behängen. Der Herr daneben sollte möglichst neutral wirken. Die Erfindung der Damenmode war auch die Erfindung der Frau als Dekorationsobjekt. Erst im 20. Jahrhundert wurde dies aufgebrochen, als Frauen eine neue Rolle in der Gesellschaft reklamierten – und dazu auch Anzüge anlegten. Damit war das Schicksal des Anzugs besiegelt. Er taugte nicht mehr als Kleidungsstück der Geschlechtertrennung.

Wir dürfen nun seinem Verfall zuschauen. Und wir kommen der Gleichheit der Geschlechter einen kleinen Schritt näher – falls die Männer die pinken Anzüge, die gerade präsentiert werden, tatsächlich tragen sollten.

Foto: Peter Langer / Klassischer Anzug von Boggi Milano

Kommentare

107 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/at