Harald Martenstein: Über das Braten von Gänsen und ein Weihnachtstrauma

Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 1/2020

Und wieder ist Weihnachten geschafft, für nicht wenige der Stresstermin Nummer eins! Als ich ein Kind war, gab es bei uns zu Hause immer Gans, mit Äpfeln und Maronen gefüllt. Das Braten der Gans oblag abwechselnd meiner Mutter und ihrem jeweiligen Lebenspartner. Die Kochkünste der Geliebten und Ehemänner waren unterschiedlich. Mein Vater zum Beispiel war ein ziemlich guter Koch, sein Nachfolger nicht so, der nächste kochte ganz passabel. Aber an der Gans scheiterten sie alle. Die Gans war entweder innen noch blutig, oder sie sah wie ein Kohlekumpel aus, der gerade von der Schicht kommt. Während des Kochvorgangs stand meine Mutter neben dem Mann und kritisierte ihn. Das machte die Männer natürlich nervös. Sie sagte Sachen wie "Du musst die Gans doch auch regelmäßig begießen" oder "Da sind noch Federn dran" oder "Die Temperatur stimmt nicht".

Das Essen begann unter allgemeinem Schweigen, aber nach spätestens zehn Minuten war wegen der Gans ein Streit von biblischem Ausmaß im Gang. Die missglückte Gans, so viel verstand ich ab einem gewissen Alter, war ein Sinnbild für all das andere, was meiner Mutter an ihrer Beziehung nicht gefiel und endlich mal gesagt werden musste. Das sogenannte Füllsel, also das Innere der Gans, war allerdings immer genießbar. Das kann man ja nun auch nicht von jeder Beziehung sagen.

Im folgenden Jahr briet sie selber die Gans. Dass die Gans auch dann weit von jener Perfektion entfernt war, die sie erstrebte, machte sie noch wütender, und der Streit war noch heftiger.

Ich verstand nicht, warum nicht einfach mal etwas anderes auf die weihnachtliche Speisekarte kam. Aber es gab nun mal eine feste Vorstellung davon, wie ein geglückter Weihnachtsabend auszusehen hat, nämlich so wie bei einer richtigen, glücklichen Familie, die sich was leisten kann, da gehörte eine Gans einfach dazu. Ein Weihnachten ohne Gans wäre einer Kapitulation gleichgekommen. Und vielleicht würde ja eines Tages ein Mann erscheinen, der die Gans braten kann, dann hätten all die Kämpfe und die Fehlversuche sich gelohnt. Vielleicht würde sie den Richtigen nur deshalb nicht finden, weil es an dem Weihnachtsabend, an dem er sich als der Richtige zu erkennen geben könnte, blöderweise Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat gibt, dieses Gericht kriegt jeder Idiot hin. So reimte ich mir das als Kind zusammen.

Ich hatte Angst vor Weihnachten und dem Streit, vor allem, als noch mein Vater bei uns wohnte. Gleichzeitig freute ich mich auf die Geschenke. Die gab es vor dem Essen. Mein Vater wehrte sich nur schwach gegen die Vorwürfe, er saß manchmal minutenlang schweigend da, wie einer, der auf besseres Wetter wartet. Das zog den Streit in die Länge, bei den anderen Männern war der Gänsestreit heftiger, aber kürzer. Wenn der Streit voll im Gang war, durfte ich aufstehen, darauf achtete niemand mehr, und mit den Geschenken spielen.

Ich hasse Gänse. Trotzdem habe ich an schätzungsweise zwanzig Weihnachtsabenden meines Lebens eine Gans gebraten, vielleicht aus Wiederholungszwang, vielleicht als Traumatherapie. Es lief immer ganz gut, so schwierig ist das Gänsebraten gar nicht. Wenn meine Mutter zu Besuch kam, gab es Fondue oder Raclette. Einmal aber, das ist noch gar nicht so lange her, kaufte ich eine Gans. Ich wollte da durch. Zitterten meine Hände, als ich sie einpinselte? Die Gans war leicht angebrannt. Meine Mutter probierte die Gans und sagte: "Also, die ist ja wirklich perfekt." Das ist, glaube ich, eine meiner schönsten Weihnachtserinnerungen, diese Lüge.

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Nicht daß ich wüßte ... allerdings spuckt mir das Internet eine englische Sophokles-Bearbeitung auf den merkwürdigen Eso-Chronicles aus, "Tiresias' Revenge", I,5, wo sich die Zeile findet: "King Oedipus: Gans, did you ever meet the man standing next to me?" Ansonsten ist mir nur das apokryphe Drama des Sofakles untergekommen: "Die Ziege des König Erdopus" ... es geht nicht gut aus.