Kristina Vogel: "Ich dachte, wenn ich jetzt loslasse, dann sterbe ich"

© Christiane Wöhler
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 1/2020

In meinen Träumen kann ich manchmal immer noch laufen. So wie früher, vor meinem Unfall, der inzwischen anderthalb Jahre zurückliegt. In der Zeit danach habe ich zunächst nicht träumen können. Ich lag erst auf der Intensivstation, dann kam ich auf die Station für Rückenmarksverletzungen. Gerade am Anfang habe ich viele Schmerzmittel bekommen, unter anderem Ketamin.

Das Ketamin war echt krass. Wegen meiner schweren Verletzungen bekam ich eine besonders hohe Dosis, die als Nebenwirkung schlimme Halluzinationen verursachte. Mit einem anderen Mittel versuchten die Ärzte gegenzusteuern. Doch es dauerte eine Weile, bis sie die für mich richtige Dosierung gefunden hatten.

Unter dem Einfluss von Ketamin hörte ich eine Stimme, von der ich sofort wusste, dass sie böse war. Sie sagte mir, ich solle loslassen, doch ich dachte, wenn ich das jetzt tue, dann sterbe ich. Also kämpfte ich mit aller Kraft gegen dieses Loslassen an. Irgendwann waren die Schmerzen aber so stark, dass es nicht mehr ging. Innerlich ließ ich los. Der Zustand, der darauf folgte, war verstörend. Ich war eine Farbe, die zerfloss und zu Säulen erstarrte, während im Hintergrund Musik lief. Wenig später sah ich mich als einen aufgebrachten Tiger, der diese Säulen aus Wut zerstörte. Es war ein echt kranker Traum – und offenbar mein erster Drogentrip.

Das Ketamin hat mich so sehr mitgenommen, dass ich froh war, als es nach und nach abgesetzt wurde. Danach konnte ich endlich wieder träumen. Zu diesem Zeitpunkt war mir bereits klar, dass ich für den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen würde. Anfangs fiel es mir schwer, mit dem Gerät zurechtzukommen. In einem meiner ersten Träume wollte ich einfach nur ins Nachbarzimmer. Weil mir das aber mit dem Rollstuhl zu umständlich war, bin ich einfach aufgestanden und rübergelaufen.

Später sprach ich mit einer Traumatologin über diesen Traum. Sie versicherte mir, dass daran nichts ungewöhnlich sei. Seither finde ich es nicht schlimm, wenn ich in meinen Träumen laufe.

Vor meinem Unfall habe ich davon geträumt, mir den zwölften Weltmeistertitel zu holen. Heute bin ich einfach nur froh, dass vieles von dem, wovon ich früher geträumt hatte, in Erfüllung gegangen ist. Ich bin zweifache Olympiasiegerin, elffache Weltmeisterin, immer noch Rekordhalterin. Was will man mehr? An den Aufprall selbst habe ich zum Glück keine Erinnerungen, sonst hätte ich bestimmt schlimme Albträume.

Nach dem Unfall hat sich meine Sicht auf die Welt verändert. Jetzt habe ich andere Träume. Zum Beispiel würde ich gern besser mit dem Rollstuhl klarkommen. Bordsteinkanten und Treppen sind für mich immer noch eine Herausforderung. In solchen Momenten sieht man die Dinge in größeren Zusammenhängen. Deshalb träume ich davon, in einer Welt zu leben, in der jeder nicht nur an sich selbst denkt und auch mal auf die Menschen geguckt wird, die um einen herum sind. Ob die vielleicht Hilfe brauchen. Jeden Tag eine gute Tat, mit der man jemand anderem hilft – und die Welt wäre ein besserer Ort.

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