Die großen Fragen der Liebe: Verzieht sie ihre Tochter?

© Mylène Blanc/​plainpicture
Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 1/2020

Die Frage: Marlene, 46, und David, 50, sind seit fünf Jahren zusammen. Marlene hat ihre Tochter und deren Freund mit in die Beziehung gebracht. Alle lebten zuerst zusammen, bis die Tochter und ihr Freund, beide sind Anfang 20, in eine eigene Wohnung zogen, die der Vater des Freundes bezahlt. Die beiden leben auch von Zuwendungen Marlenes und sind immer wieder für längere Zeit zu Besuch. David sieht das kritisch: Marlene erziehe sie zur Abhängigkeit. Noch dazu muss David Marlene finanziell unterstützen, da sie ja ihrer Tochter Geld gibt. Er möchte, dass sie das ändert, aber wenn er sie darauf anspricht, reagiert Marlene trotzig. David fragt sich, wie lange er all das noch ertragen kann. Was, wenn Marlenes Tochter ein Kind bekommt? Er fürchtet sich vor einer Zukunft, in der er verantwortet, was er nicht verursacht hat.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: David ist in Gefahr, in die undankbarste Rolle abzurutschen, die Patchworkfamilien bereithalten: den maulenden Stiefvater, der sich ausgenutzt fühlt und versucht, die Partnerin zu überzeugen, die Kinder nach seinen Vorstellungen zu erziehen. Sein Versuch, der Mutter nachzuweisen, dass sie Erziehungsfehler begeht, verstärkt jedoch ihre eigene Abhängigkeit von den erwachsenen Kindern. Das heißt nicht, dass sich David ausnutzen lassen muss. Wenn Marlene einen ungesunden Aufwand betreibt, um das junge Paar vor der Realität des Erwachsenenlebens zu beschützen, sollte David nicht dulden, dass in der gemeinsamen Wohnung ein Hotel Mama eröffnet wird. Wenn er sich darauf konzentriert, Marlenes Selbstbewusstsein zu stützen, wird sie es leichter haben, die Grenze zwischen Mutterliebe und Verwöhnung zu finden.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Zuletzt erschien sein Buch "Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus" (Klett-Cotta)

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren