Thomas Müller: Über Umsonstkultur

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 1/2020

Freundinnen und Freunde der bayerischen Kultur und Fußballweltmeister, kommt alle herbei: Wir gratulieren Thomas Müller zum Verdienstorden seiner Heimat. Selbst wir Zeugwarte und Eckensteher dieser Kolumne waren in festlicher Rührung. Markus Söder, der Müller den Bayerischen Verdienstorden (am Band!) feierlich umhängte, wies auf einen Vorzug der Auszeichnung hin: Müller darf damit fürderhin alle Museen und sämtliche malerischen Adelsgemäuer des Freistaats gratis besuchen, und so gesehen dürfen die Schlösser Kaltenberg und Blutenburg, ferner auch die Burgen Nassenfels, Wilden- und Pottenstein sich freuen, dass der "Raumdeuter" (kicker) und Gaudischlingel (deutscher Konsens) Thomas Müller sie bald mit seiner Anwesenheit bereichern könnte. Allerdings, und hier sind wir nun mitten in der tragischen Dialektik so eines Umsonst-Abos, möchte man sich nicht vorstellen, wie die geschürten Erwartungen auf Thomas-Müller-Besuch enttäuscht werden. Wie Kinder nun jeden Tag ins Nürnberger Spielzeugmuseum kommen, nur weil sie hoffen, dem Nationalspieler endlich zu begegnen. Zu Tränen kommen wir da! Zu schwerstlädiertem Gemüt!

Und was, wenn sich das Personal des Ingolstädter Armeemuseums vergeblich auf den Tag X vorbereitet, sich vor Vorfreude in die Hofgardistenuniform wirft, die Säbel poliert – auf dem Flur wochenlang "Ach, Herr Kurator" und "Ach, Frau Direktorin" – und ihre Stimmen werden über die Zeit schwindsüchtiger.

Und Müller selbst spürt vermutlich nun den Druck, sich jetzt wirklich mal den ganzen Reichtum des bayerischen Lebens anschauen zu müssen, weshalb er gesichtet wird, wie er mit trübsinnigem Fleiß sich durchs Regensburger Golfmuseum ackert und etwas zu interessiert Bälle in Vitrinen anstarrt. Der Forrest Gump der freistaatlichen Bildungslandschaft, plötzlich eben immer einer mehr im Bild. Oder er bleibt zu Hause und hat lebenslang ein schlechtes Gewissen.

Aber wir wollen hier nicht trübsinnig enden, denn die Umsonstkultur verachten kann nur, wer aus seinem Herzen schon lange eine Registrierkasse gemacht hat. Deswegen wollen wir kurz daran erinnern, wie viele wundervolle Dinge tatsächlich nichts kosten, ganz ohne Gratis-Abo und sogar außerhalb von Bayern: der rätselhafte Reiz der Postleitzahlen des Elbsandsteingebirges, der Zauber niesender Hunde und alle komplizierten, glücklichen Spontanverliebtheiten des Alltags, die sich so ereignen können. Museen und Schlösser sollte man ihnen allen errichten. Thomas Müller kommt auch, wenn er es schafft.

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