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Anna Thalbach: "Das, was mich am allermeisten überhaupt rettet, ist Humor"

Die Schauspielerin ist glücklich, dass sie ihrem verstorbenen Vater im Traum begegnet. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 2/2020

ZEITmagazin: Frau Thalbach, wer rettet Sie?

Anna Thalbach: Meine Mutter rettet mich immer wieder, meine Familie und meine Freunde. Täglich retten sie mich vor meiner Wut, meiner Angst, meiner schlechten Laune.

ZEITmagazin: Wie sind Sie, wenn sie schlecht gelaunt sind? Eher still oder eher motzig?

Thalbach: Sowohl als auch.

ZEITmagazin: Wie reagiert man dann am besten?

Thalbach: Das, was mich am allermeisten überhaupt rettet, ist Humor. Wenn bei mir der Humor nicht mehr da ist, dann sollte man mich auf jeden Fall einem Arzt vorstellen.

ZEITmagazin: Können Sie mit sich humorvoll sein?

Thalbach: Ja, ich kann mich sehr gut mit mir allein amüsieren. Ich kann alleine gut laut lachen und albern sein.

ZEITmagazin: Vor 15 Jahren haben Sie in unserer Rubrik Ich habe einen Traum davon geträumt, eine Königin zu sein, die kostenfreies Wohnrecht für alle schafft.

Thalbach: Wie vorausschauend von mir, wenn ich mich mal loben darf! Jetzt ist ein Immobilienmakler US-Präsident. Ich finde, der Kapitalismus vergreift sich an den Grundrechten des Menschen, wenn man den Wohnraum dermaßen verteuert, wie es zum Teil geschieht. Der Mensch muss doch wohnen. Dass Rentner mehr als die Hälfte ihrer Rente für die Miete ausgeben müssen, finde ich unmoralisch. Mein Anwalt hat dafür gesorgt, dass ich in meiner Mietwohnung erst mal Ruhe habe.

ZEITmagazin: Reagieren Sie in schwierigen Situationen meist kämpferisch?

Thalbach: Erst mal reagiere ich mit Pragmatismus und versuche, die Lage zu überschauen. Dann versuche ich, eine Entscheidung zu treffen, manchmal entscheidet aber auch einfach der Bauch oder das Herz. Manchmal reagiere ich auch wütend. Aber das ist situationsabhängig. Schwierige Situationen können einen ja auch ratlos machen. Ich bin jedenfalls kein Opfer.

ZEITmagazin: Was hilft bei Trauer am besten?

Thalbach: Als mein Vater gestorben ist und ich das erste Mal von ihm geträumt habe, da war ich sehr, sehr glücklich und sehr beruhigt. Weil ich gelernt habe: Im Traum kann man sich immer wieder begegnen. Und schönerweise hat Thomas mich jetzt in der Halloweennacht wieder mal im Traum besucht. Als ich aufgewacht bin, war ich ganz froh, dass das klappt: dass in der Nacht, in der die Toten die Lebenden besuchen, mein Vater zu mir gekommen ist. Das fand ich eins a von ihm. Danke, Thomas! Insofern ist der Traum ein super Retter. Ich konnte schon immer Dinge gut in Träumen verarbeiten.

ZEITmagazin: Manche Leute sagen, sie könnten sogar steuern, was sie träumen. Können Sie das auch?

Thalbach: Je mehr ich das versuche, desto mehr zeigt mir der Traum einen Vogel, glaube ich. Ich kann versuchen, es mir zu wünschen, und manchmal klappt es. Aber ich glaube, dass der Traum ein Schelm ist: Je mehr du ihn festnageln willst, desto mehr wird er dir entgleiten.

ZEITmagazin: Kann es in bestimmten Lebenssituationen rettend sein, ein Kind zu haben?

Thalbach: Das sollte man einem Kind nicht zumuten. Dass das vielleicht manchmal ein Nebeneffekt ist, das würde ich überhaupt nicht bestreiten. Aber man sollte erst mal in der Lage sein, sich selbst zu retten.

ZEITmagazin: Sie waren erst 22, als Sie Mutter geworden sind, Ihre Tochter Nellie ist heute auch Schauspielerin. Konnten Sie sich damals schon selbst retten?

Thalbach: Nee, aber ich komme aus dem Osten, und da kriegen alle früh Kinder. Das war die Unbedarftheit der Jugend. Damals wusste ich noch nicht richtig auf mich aufzupassen. Nicht so wie heute. Ich musste dann alles erst später lernen. Auch für mein Kind. Und das war gut, das zu lernen. Oft ist ja Hilfe auch ein bisschen halbseiden. Wenn jemand hilft, will er automatisch, dass man auch seine Ansichten übernimmt. Das ist gar nicht unbedingt böse gemeint: Das ist so eine Art Mechanismus, der mit Hilfe verbunden zu sein scheint. Ganz selten schaffen es die Leute, anderen zu helfen und trotzdem so sachlich und frei zu bleiben, den anderen dann nicht ihr Lebenskonzept aufzudrücken.

ZEITmagazin: Ihre Mutter ist die ebenfalls sehr bekannte Schauspielerin Katharina Thalbach, mit der Sie häufig zusammen auftreten. Erwartet Ihre Mutter, dass Sie für sie da sind?

Thalbach: Sie ist sehr eigenständig, meine Mutter. Aber sie wäre vielleicht schon gekränkt, wenn ich mich überhaupt nicht blicken ließe. Doch das habe ich ja gar nicht vor.

ZEITmagazin: Und erwarten Sie, dass Ihre Tochter sich um Sie kümmert, wenn Sie alt sind?

Thalbach: Das finde ich zu allgemein formuliert. Das ist von der Situation abhängig. Wenn sie sich gerade mit ihrem tollen Mr. Soundso in Australien was aufgebaut hat, dann fände ich es frech, ihr da reinzugrätschen. Aber wenn sie bei mir ums Eck wohnt und mir keinen Tee kocht, wenn ich krank bin, bin ich natürlich beleidigt. Wir brauchen nichts voneinander zu erwarten, weil wir uns lieben. Und das wissen wir.

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung hatte Anna Thalbach darüber berichtet, dass ihre Mutter wegen einer Eigenbedarfskündigung jetzt ihre Wohnung aufgeben muss. Die Vermieterin hat dieser Darstellung widersprochen. Wir haben die Passage deshalb geändert.

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