Bürgerlichkeit: La Nouvelle Bourgeoisie

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 2/2020

Die aktuellen Winterkollektionen stehen bei vielen Designern im Zeichen der Bürgerlichkeit: Louis Vuitton, Burberry und Proenza Schouler etwa pflegen den Look der Bourgeoisie. Am deutlichsten ist er bei Celine zu erkennen: Zentraler Entwurf von Hedi Slimane in der aktuellen Kollektion ist ein Faltenrock im wadenlangen Schnitt. Dazu gesellen sich Culottes, knielange Hosen, aus Tweed oder Jeansstoff, Schluppenblusen, Seidenkleider, weiche Übergänge und gedeckte Herbsttöne.

Das neue Celine ohne Akzentzeichen nahm Anleihen am alten Céline der Siebzigerjahre, als die Marke für den Look der Pariser Bourgeoisie stand. Traditioneller Bestandteil des klassischen Céline-Looks war die Trensenspange, eine Anspielung auf den Pferdesport. Slimane nutzt dieses Detail jetzt beispielsweise als Gürtelschnalle, zudem findet sich das Horsebit-Emblem auf Seidenschals. Auch die knielangen Culotte-Hosen spielen auf das Reiten als Hobby der Elite an.

Mit dem neuen bourgeoisen Look entfernt sich die Mode von der Proletarisierung, die das vergangene Jahrzehnt bestimmt hat. Denn es ist gar nicht lange her, da waren Sneaker, Bomberjacken und bedruckte T-Shirts der Look der Stunde, man wollte unbedingt so aussehen, als sei man gerade auf dem Weg vom Bett zum Kühlschrank. Alle Anzeichen, dass Mode etwas mit Geld zu tun hat, sollten getilgt werden (wobei auch modische Sneaker, Bomberjacken und T-Shirts ihren stolzen Preis haben). Die demonstrative Lässigkeit ist vorbei. Nun möchte die Elite wieder wie Elite aussehen, die Suit-Credibility löst die Street-Credibility ab. Wobei es lohnt, sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, was denn mit Bourgeoisie gemeint ist. Bourgeoisie ist das französische Wort für Bürgertum.

Die Bourgeoisie entstand aus dem dritten Stand der Feudalgesellschaft, dem vor allem Handwerker, Händler und Großbauern angehörten. Während der industriellen Revolution entwickelten sich aus dieser Gruppe die Fabrikbesitzer und Unternehmer. Ihnen war es möglich, ihr Kapital ständig zu vergrößern, während die Arbeiterklasse darbte. Das machte die Bourgeoisie als "herrschende Klasse" zum Feindbild des Marxismus, der sie mittels der Weltrevolution zu stürzen gedachte.

Gerade wird ja wieder viel vom Joch des Kapitalismus geredet. Wer eine Weltrevolution anstrebt, sollte sie noch in der laufenden Saison durchziehen. Denn zurzeit sieht der bürgerliche Klassenfeind wenigstens so richtig nach Bürger aus. So erkennt man ihn ganz leicht auf der Straße.

Foto: Peter Langer / Reich sieht nun nach reich aus: Seidenschal von Celine

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