Harald Martenstein: Über den Umgang mit Ex-Nazis, Opportunisten und Seitenwechslern

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 2/2020

Beim Googeln stieß ich auf einen weitläufigen Verwandten, Willibald Martenstein. Willi saß 16 Jahre lang für die FDP im rheinland-pfälzischen Landtag, das wusste ich. Unbekannt war mir, dass er zuvor Mitglied in der NSDAP gewesen war. Eine solche NS-Vergangenheit, mal länger, mal jugendbedingt kürzer, hatte er mit zahlreichen Spitzenpolitikern gemeinsam, unter anderem mit dem SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller, dem legendären Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann (SPD), dem sympathischen Bundespräsidenten Walter Scheel (FDP) und mit dem gottgleichen Hans-Dietrich Genscher. Auch die SPD-Ikone Erhard Eppler war mit 18 in der NSDAP, "nicht gegen meinen Willen", wie er später sagte. Der nimmermüde Mahner und Israelkritiker Günter Grass war in der SS, wie immer er hineingeraten sein mag. Als er das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte, lehnte der noch relativ junge, gleichwohl von Vergesslichkeit geschlagene Grass ab, weil auch Ex-Nazis diese Auszeichnung trügen.