Indonesien: Gefährliche Nachbarn

Indonesien gehört zu den Ländern mit den meisten aktiven Vulkanen. Der Fotograf Putu Sayoga zeigt, wie die Menschen mit ihnen leben. Interview:
ZEITmagazin Nr. 2/2020

ZEITmagazin: Herr Sayoga, Sie haben vor zwei Jahren angefangen, Vulkane in Ihrer Heimat Indonesien zu fotografieren. Warum?

Putu Sayoga: Vor zwei Jahren ist der höchste Vulkan Balis, der Agung, ausgebrochen. Ich bin sofort dorthin gefahren, weil ich die Eruption fotografieren wollte. Als ich das Feuer und die Staubwolke gesehen habe, habe ich mich gefragt: Wie ist es eigentlich, in der Nähe dieser Gefahr zu leben? In Indonesien gibt es rund 130 aktive Vulkane, nur in den USA und Russland gibt es mehr. Aber im Unterschied zu den beiden Ländern leben in Indonesien viele Menschen in unmittelbarer Nähe der Vulkane. Als ich mit den Menschen rund um den Agung sprach, die in Lager evakuiert waren oder sogar in der Gefahrenzone geblieben waren, habe ich gemerkt, dass sie eine besondere Beziehung zu den Bergen haben und der Ausbruch sie gar nicht so sehr erschüttert. Diese Beziehung hat mich interessiert. Ich bin dann zu neun Vulkanen auf verschiedenen Inseln gefahren, um die religiöse Bedeutung der Berge zu erkunden, das Leben rund um die Vulkane zu begreifen und die Folgen der Ausbrüche zu dokumentieren. Unter anderem war ich auch am Merapi auf der Insel Java. Vor neun Jahren gab es dort einen sehr schweren Vulkanausbruch.

Putu Sayoga, 33, studierte Politik und brachte sich autodidaktisch das Fotografieren bei. Er arbeitet als Dokumentar- und Reisefotograf und ist Mitbegründer des Dokumentarfotografen-Kollektivs Arka Project. Derzeit lebt er auf Bali. © Putu Sayoga

ZEITmagazin: Mehr als 300 Menschen kamen ums Leben, obwohl die Behörden die Umgebung evakuiert hatten.

Sayoga: Tausende Menschen ließen ihre Häuser zurück und gingen nur mit dem Nötigsten weg. Seitdem sind einige Dörfer in der Umgebung des Vulkans Geisterstädte und Touristenattraktionen. Aber es gibt auch Menschen, die sich so sehr daran gewöhnt haben, neben einem der gefährlichsten Vulkane der Welt zu leben, dass sie in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Obwohl die Regierung schon oft versucht hat, die Menschen dauerhaft umzusiedeln.

ZEITmagazin: Wie erklären Sie es sich, dass die Bewohner trotz der Gefahr die Nähe der Vulkane suchen?

Sayoga: Die meisten, die dort leben, sind Selbstversorger und arbeiten in der Landwirtschaft, und die Böden rund um die Vulkane sind fruchtbarer als im Rest von Indonesien. Aber die Landwirtschaft ist nicht der einzige Grund: Auf dem aktiven Vulkan Ijen zum Beispiel werden sogar noch Minen betrieben. Dort steigen die Bergarbeiter zwei Stunden lang ohne Sicherung den Berg hinauf und suchen dann in Kratern mit ihren bloßen Händen nach Schwefel. Das ist ihre Lebensgrundlage, aber natürlich eine sehr gefährliche, weil der Vulkan auch jeden Moment ausbrechen könnte. Das Gefährliche ist übrigens nicht die Lava, sondern die Gaswolke, die mit dem Ausbruch austritt und die Arbeiter vergiften würde. Es gibt auch Kraftwerke auf Kratern, sie wandeln die Wärme in elektrische Energie um. Auch das ist natürlich nicht ganz ungefährlich: Vor 40 Jahren ist zum Beispiel einer dieser Krater in die Luft geflogen und hat dann 150 Menschen in den Tod gerissen.

ZEITmagazin: Hatten Sie selbst keine Angst, sich in der Nähe eines aktiven Vulkans aufzuhalten?

Sayoga: Ich hatte tatsächlich Angst. Ich lebe nicht unmittelbar in der Nähe von Vulkanen, deshalb hat mich die Angst umso mehr gepackt. Aber die Menschen, die dort leben, sind geradezu stoisch. Ich habe zum Beispiel ein altes Ehepaar getroffen und die beiden gefragt, warum sie denn in der Nähe des Vulkans leben und ob sie ihn nicht fürchten. Sie sagten nur: "Der Berg gibt, und der Berg nimmt. Und wenn der Berg unser Leben nimmt, dann soll es so sein." Die würde es nicht stören, wenn die Lava vor ihrer Haustür fließen würde. Von ihrer Art zu leben kann man viel lernen.

ZEITmagazin: Was zum Beispiel?

Sayoga: Sie haben es nicht leicht, aber sie beklagen sich nicht. Sie nehmen es hin und sind dabei unheimlich freundlich. Viele haben bei Ausbrüchen schon mal alles verloren, mussten ganz von vorn anfangen und besitzen bis heute nicht viel, aber sie teilen gern, ihre Gastfreundschaft ist unschlagbar: Fremde werden sofort zum Essen eingeladen.

ZEITmagazin: Es spielt ja auch eine Rolle, dass die Vulkane religiös verehrt werden. Wie genau?

Sayoga: Ich würde es als eine Art lokale Religion bezeichnen: Manche Menschen, die in der Nähe von Vulkanen leben, sehen in ihnen ihre Götter. Und wenn sie ausbrechen, denken sie, die Götter wären wütend auf sie. Manchmal opfern sie sogar Kühe, Hühner oder Schweine, um die Berggötter zu besänftigen. Auch eines der bekanntesten hinduistischen Rituale Indonesiens ist mit einem Vulkan verknüpft, das Kasada-Ritual: Da besteigen die Gläubigen den Vulkan Bromo auf Java und ehren die Götter mit dem Ertrag, den sie dank der göttlichen Hilfe gemacht haben.

ZEITmagazin: All Ihre Bilder sind Hochformate – sicher kein Zufall, oder?

Sayoga: In Indonesien glauben wir, dass das Gute im Vertikalen liegt. Die Berge streben nach oben. Die Götter sind hoch oben auf den Bergen. Deswegen war es mir wichtig, die Menschen, die Vulkane und Krater im Hochformat zu fotografieren. Das ist ein gutes Omen.

Kommentare

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"Solche gefühligen Berichte über schicksalsergebene Indonesier, die auch noch Tieropfer begehen wie in der Steinzeit: Sorry, braucht kein Mensch!"

Sie missverstehen da etwas. Die Hindus opfern die Tiere bei lebendigem Leib. Was die Muslime, die sich im Krater positionieren, um die Opfergaben aufzufangen, mit den Tieren machen, ist eine andere Sache.