"No Poo": Über das kommende Haar

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 2/2020

Was bringt das kommende Haar?, fragen wir uns um diese Zeit an dieser Stelle gern, und die Antwort lautet: wenig Neues. Je struppiger das Weltgeschehen, je ungekämmter die Gedanken, desto weniger experimentierfreudig sind unsere menschlichen Mitbewohner, was das Geschehen auf ihren Köpfen betrifft. Wir vermelden: absoluten Stillstand. Und so geht es im neuen Jahr einfach weiter mit Undercuts, kombiniert mit Bärten aller Art bei den Männern, und Bobs bei den Frauen. Hier und da werden wir auch weiterhin vereinzelte junge Menschen dabei beobachten können, wie sie die Achtzigerjahre-Dauerwelle oder den Achtzigerjahre-Schnauzbart wieder aufleben lassen wollen, was aber seit Jahren irgendwie nicht so richtig gelingen will. (Warum eigentlich nicht? Na, weil es bescheuert aussieht! Aber Tennissocken sehen doch auch bescheuert aus?? Ja, aber man kann sie abends ausziehen!)

Wobei! Ein Trend zeichnet sich doch ab. Er betrifft nicht die Haartracht, sondern die Haarpflege. IMMER MEHR MENSCHEN WASCHEN IHRE HAARE NICHT, jedenfalls nicht so, wie wir es kennen, mit Shampoo. Stattdessen nehmen sie einfach nur Wasser oder Selbstgemachtes aus Heilerde oder Apfelessig. Die Bewegung hat auch einen Namen, "NoPoo", und prominente Anhänger gibt es auch, zu denen, wenig überraschend, angeblich sogar Gwyneth Paltrow gehört. Die Bewegung ist schon so Mainstream, dass beim aktuellen Jahresrückblick von Günther Jauch eine junge Umweltaktivistin und Kein-Shampoo-Verwenderin auftreten durfte.

Trotzdem: NoPoo ist kein Thema des letzten Jahres, sondern es wird, so unsere Prognose, zu einer Monsterwelle anwachsen, weil sich darin vier Strömungen unserer Zeit vereinen: Sich in einem Meer voller Konsum auf das Wesentliche zu besinnen. In einer unübersichtlichen Weltlage zumindest im Persönlichen die Kontrolle zu behalten. Die Umwelt zu schützen, in diesem Fall vor Plastik und Tensiden. Und das neu erwachte Interesse am Säureschutzmantel der Haut, welcher durch übermäßiges Seifen geschwächt wird und vor Umwelteinflüssen, schädlichen Bakterien, Allergien et cetera schützt. Angeblich siedeln sich ohne Shampoo mit der Zeit sogar hilfreiche Bakterien und Pilze wieder auf der Haut an, über die Details ist ein Dermatologenstreit entbrannt.

Wem das alles zu komplex ist oder wer einfach nur Wasser und Zeit sparen möchte, der greift im kommenden Jahr zu einem Produkt, das man eigentlich schon ausgestorben wähnte, aber das gerade wieder so populär wird, dass vor Kurzem sogar die Stiftung Warentest seine prüfenden Blicke darauf geworfen hat: Trockenshampoo.

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