Schulbrot: "Böäh! Das schmeckt eklig"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 2/2020

Juli hasst das Essen für die Schulpause, das ich ihr mache. "Böäh! Das schmeckt eklig. Du hast mir schon wieder Nüsse reingemacht!" Oder: "Du weißt doch, dass ich keinen Stinkekäse mag!" Nein, eigentlich weiß ich es nicht. Es ist kompliziert. Immer wenn ich ein Pausenbrot schmiere, ist es ein Bangen, ob es vom Kunden auch goutiert werden wird. Jeden Abend mache ich für meine Töchter Pausenbrote – und schon das bringt mir in der Familie Kritik ein. Ich könnte sie ja auch am Morgen machen. Aber am Morgen habe ich keine Zeit. Wie machen das all die Leute, die morgens ihren Kindern ganz frisch die Brote schmieren? Stehen die um fünf Uhr auf? Ich lagere die Butterbrotdosen im Kühlschrank. Butterbrot ist allerdings ein sehr vereinfachender Begriff. Heute gibt man den Kinder keine geschmierten Brote mehr mit in die Schule, sondern Drei-Gänge-Menüs. Eine fein abgestimmte Geschichte aus Herzhaftem, etwas frischem Obst und knackigem Gemüse. Auf Pausenbroten liegt heute sozialer Druck. Ich habe gelesen, dass Eltern mitunter Briefe vom Klassenlehrer bekommen, wenn ein Kind Süßes mit in die Schule bekommt. Damit sind nicht unbedingt Gummibärchen gemeint. Sogar Honigbrote sollen schon geahndet worden sein.

Muss ja auch nicht sein. Ich habe im Internet ein Rezept für Knusperstangen gefunden, die "leckere Abwechslung zum Pausenbrot": Hefe in kaltem Wasser auflösen, mit Mehl und Salz ordentlich kneten. Dann die Schüssel mit einem feuchten Tuch abdecken und den Teig an einem kühlen Ort langsam gehen lassen – etwa drei Stunden. Dann den Teig mit etwas Öl tränken, ausrollen und mit Röstzwiebel, Mohn und Käse bestreuen, in Streifen schneiden, zu Locken drehen, mit Wasser besprühen und dann 20 Minuten in den auf 250 Grad vorgeheizten Backofen tun. Ich nehme an, dass Menschen, die ihren Kindern eine solche Alternative zum Pausenbrot bereiten, gar nichts anderes im Leben tun.

Mein größtes Problem ist, dass meine Kinder gesunde Pausenbrote ablehnen. Ich habe mal Gemüsesticks mit einem Sour-Cream-Dip in den Butterbrotdosen serviert. Das Gemüse habe ich Tage später in angeschimmeltem Zustand aus den Schultaschen gefischt. Die Gläschen mit dem Dip suche ich immer noch. Ich fürchte mich vor dem Moment, wenn ich sie finde.

Dabei beschweren sich die Kinder gar nicht über gesunde Pausensnacks. Sie würden so etwas nie tun. Sie ignorieren sie einfach oder lassen sie verschwinden. Stattdessen futtern sie sich bei Mitschülern durch. Vermutlich bei jenen, die von ihren Eltern das ungesunde Zeug, das mit Zucker, bekommen.

Für mich ist das ein unlösbares Dilemma. Wenn ich meinen Kindern Kuchen und Milchschnitten in die Schule mitgebe, dann essen die sie zwar, ich aber werde irgendwann zum Elterngespräch einbestellt. Oder aber ich versorge sie mit Möhren und Gurken – und riskiere, dass es nicht gegessen wird und sie sich stattdessen bei jenen Schülern versorgen, deren Eltern bald zum Elterngespräch geladen werden.

Bei Juli habe ich mittlerweile einen Erfolg errungen. Es gibt eine bestimmte Art von Sesam-Müsliriegeln, die sie geradezu jeden Morgen einfordert. Ich habe Juli einmal gefragt, warum sie die so gern isst. Juli schaute mich erstaunt an. Sie sagte: "Papa, die esse ich gar nicht, aber die kann ich immer gut tauschen!" Ich habe mich nicht getraut zu fragen, wogegen.

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