Sticken: Nadelmalerei

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 3/2020

Sticken ist seit einiger Zeit ein großes Thema in der Mode. Das ist spätestens so, seit Alessandro Michele, seit 2015 Kreativchef von Gucci, begonnen hat, in fast jeder Kollektion Schlangen, Tigerköpfe, Bienen und Blumen auf Kleider, T-Shirts und Hosen aufsticken zu lassen. In den kommenden Frühjahrs- und Sommerkollektionen sind die Nadeln besonders aktiv gewesen: rote Blüten auf blauer Robe bei Givenchy zum Beispiel, an Art déco erinnernde Blumenranken auf Valentino-Kleidern, Stickereien aus schwarzen Perlen bei Dior.

Man fragt sich, warum Stickereien so lange aus der Mode verschwunden waren. Vielleicht weil Sticken als rückwärts gerichtet und unmodern galt. Und das zu Recht: Sticken ist eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Bereits in der vorchristlichen Zeit waren Stickereien in China, Mesopotamien, Ägypten und Kleinasien verbreitet. Im Mittelalter wurde vor allem in Klöstern gestickt. Ab dem 13. Jahrhundert galt Sticken als eigener Beruf, der auch von Männern praktiziert wurde. In den folgenden Jahrhunderten wurde praktisch alles bestickt, was tragbar war: Leibwäsche, Hemdkragen, Manschetten und Taschentücher, Westen. Stickereien waren ein Statussymbol, im Rokoko nannte man sie "Nadelmalereien".

In der bürgerlichen Gesellschaft aber änderte sich die Bedeutung des Stickens. Der Mann bezog öffentliche und geschäftliche Positionen, die Frau hatte zu Hause zu bleiben. Mädchen wurden Berufsausbildungen verwehrt, weil sie sich auf ihre Rolle als Hausfrau vorbereiten sollten. Vor allem sollten sie sich in Handarbeiten üben. Das Frauenbild des 19. Jahrhunderts verlangte Anmut und Eleganz, Hingabe und Sinn fürs Dekorative. Die weiblichen Handarbeiten wurden zum Symbol für Tüchtigkeit und Schicklichkeit, auch für Wohlstand. Schließlich musste man es sich leisten können, dass die Dame sich zu Hause über ihren Stickrahmen beugte, anstatt einer echten Erwerbsarbeit nachzugehen. Außerdem waren Stoffe wie Garne kostspielig. Die Kunsthistorikerin Hildegard Westhoff-Krummacher schrieb einmal, die "abstumpfende Fingerarbeit" habe zur "geistigen Sedierung" der Frau geführt, welche den gewünschten Effekt erreicht habe, nämlich ihre Bindung an Haus und Mann, kurz: ihre Unterwürfigkeit. Mit der Industrialisierung übernahmen Maschinen das Sticken. Die weibliche Handarbeit verlor an gesellschaftlicher Bedeutung, Stickereien wurden Massenware.

Die Unterdrückung der Frau blieb lange weiter bestehen. Und noch heute erinnern Stickereien auf Kleidern irgendwie an die Zeit, als die Frau brav zu Hause auf ihren Mann wartete, damit er sie für ihre Handarbeit lobte.

Foto: Peter Langer / Viele Nadelstiche: Besticktes Kleid von Dior

Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

In der Tat, ein schönes Hobby. Genauso wie Spitze klöppeln, was meine Tochter als Hobby entdeckt. Mehr muss man eigentlich gar nicht dazu sagen.

Eines aber doch noch: Was mich aber bei vielen ZON-Artikeln sehr verärgert, ist der Hang der ZON, alles in einen global-ideologischen Zusammenhang stellen zu wollen.
Warum muss dieser Teilsatz sein "als rückwärts gerichtet und unmodern"? oder dieses "die Frau hatte zu Hause zu bleiben. Mädchen wurden Berufsausbildungen verwehrt."?

Schiller hatte da eine viel wertschätzendere Sicht der "Nur"-Hausfrau:

"Die Hausfrau,Die Mutter der Kinder,
Und herrschet(!) weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn' Ende
Die fleissigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeichten Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer."
("Die Glocke", Friedrich Schiller)