Willie Nelson: Übers Aufhören

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 3/2020

Willie Nelson, der "prominenteste Verfechter der Legalisierung von Marihuana in den Vereinigten Staaten" (Frankfurter Allgemeine), gewissermaßen also der Marlboro Man des Kiffens, hat das Kiffen aufgegeben. Mit 86. Finito. Der Countrysänger möchte mehr auf seine Gesundheit achten. Die Lungen ächzen, der Körper wird in absehbarer Zeit nicht jünger, Nelson zieht Konsequenzen: Das war es nun mit den Joints. Für seine Gesundheit ist das bestimmt die goldrichtige Entscheidung. Aber was macht das Aufgeben einer jahrzehntelangen Angewohnheit eigentlich mit seiner Persönlichkeit?

Was bleibt vom Marlboro Man, wenn er keine Marlboros mehr raucht? Doch nur noch: ein man. Ein Mann. Öde. Während es den Marlboro Man schließlich nur einmal gibt, muss der Mann ohne die Kippe im Mundwinkel seinen Titel mit ungefähr der Hälfte der Menschheit teilen. Vielleicht schmerzt der Verlust eines solchen Alleinstellungsmerkmals sogar mehr als die Abstinenz selbst. Genauso wie die Existenz des HB-Männchens als Nichtraucher keinen Sinn ergibt und der Schwäbisch-Hall-Fuchs ohne seine Bausparkasse nur ein langweiliger Waldbewohner wäre, bildet sich auch die Identität des Menschen über die Dinge, Angewohnheiten und Leute, mit denen er sich umgibt.

Identität ist schließlich kein schreibgeschützter Datenträger, der bleiern und unveränderbar in unserer DNA steckt, sondern ständigem Wandel unterworfen. Identität ist der Fußballverein, den man liebt, ist die Abneigung gegen schwarzen Tee, ist die Entscheidung gegen Kinder und der Tick, beim Nachdenken die Haarspitzen zu zwirbeln. Wer etwas aufgibt, das er lange geliebt hat (und Nelson hat nach eigener Aussage schon im Kindesalter Zedernrinde geraucht!), verabschiedet sich damit, so pathetisch es auch klingen mag, auch von einem kleinen Stückchen Selbst.

Nelson wird nie mehr in einer über ein Leben lang entstandenen Routine Drehpapier aus der Verpackung lösen, Tabak und Gras zerbröseln, sich auf den Belohnungsjoint nach einem Konzert freuen. Stattdessen ist da jetzt eine Leerstelle. Aber, und das ist das Tröstliche, auch Leerstellen können uns zu dem machen, was wir sind.

Der Countrysänger Willie Nelson mag nun zu einem kleinen Teil ein anderer sein als in all den Kifferjahren. Er ist aber vor allem nach wie vor jemand, der selbstbestimmt Entscheidungen für sich trifft. Und das ist doch eigentlich viel. Viel wichtiger, um sich als ein einzigartiges Modell der Marke Mensch zu fühlen, als das Konsumieren irgendwelcher Drogen.

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