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Thomas Girst: "Ich dachte, Bomben seien explodiert"

Der Manager verarbeitete ein traumatisches Erlebnis durch Schreiben. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 4/2020

ZEITmagazin: Herr Girst, Sie haben ein Buch über die erstaunliche Kraft der Langsamkeit und der langen Dauer geschrieben. Hätten Sie mal kurz Zeit für ein Interview?

Thomas Girst: Genau dieses "kurz" ist die Wurzel allen Übels: "Kann ich dich mal kurz sprechen?", "Ich brauche dich mal für einen Moment!". Auf der Arbeit wie zu Hause. Dass wir die Zeiteinheiten vorgeben, in denen wir uns mit unserem Gegenüber austauschen wollen, ist ein Zeichen unserer Zeit.

ZEITmagazin: Und das sagen Sie als BMW-Mann, der für ein Unternehmen arbeitet, zu dessen Markenkern Geschwindigkeit gehört.

Girst: Sie können auch mit 270 Stundenkilometern auf der leeren Autobahn Bach hören und entspannen. Ich korrigiere: 200.

ZEITmagazin: Ihr Buch Alle Zeit der Welt ist keine Gegenreaktion auf Ihre Berufswelt?

Girst: Nein. Ich glaube nicht daran, dass Bücherschreiben ein Korrektiv ist, ich glaube an das Sowohl-als-auch als Lebensentwurf. Zielstrebigkeit ist wichtig, aber für die aufregendsten Reisen, die ins eigene Innere, hilft es, vom Weg abzukommen.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch erzählen Sie von Steve Jobs, der ein zielloser Bummelstudent war und dann die Kalligrafie entdeckte.

Girst: Die Ästhetik von Apple verdankt sich laut Jobs genau diesem Kalligrafiekurs am Reed College, in den er, ohne eingeschrieben zu sein, zufällig hineingeschlurft war. Ganz im Gegensatz zum heutigen Geschäftsmodell der Big Five des Silicon Valley, das auf monetarisierbarer Ablenkung beruht. Nicht der Algorithmus, sondern der Zufall führt uns zu den echten Entdeckungen.

ZEITmagazin: Sie sind fasziniert von Dingen, die überdauern, wie die Pyramiden. Dabei waren Sie Zeuge rasanter Zerstörung: Sie waren am 11. September 2001 in New York.

Girst: Ich habe in Brooklyn gewohnt und in Soho gearbeitet. Als ich im Büro ankam, war das erste Flugzeug bereits in den ersten Turm des World Trade Center geflogen. Man dachte zuerst, es müsse ein grausames Versehen gewesen sein. Im Art Science Research Lab des Harvard-Professors Stephen Jay Gould hatten wir sehr hochwertige Digitalkameras. Als die Mauer fiel, saß ich in Saarbrücken vor dem Fernseher, anstatt nach Berlin zu fahren. Vermutlich dachte ich: Das passiert dir nicht noch mal! Ich schnappte mir eine Kamera und bin da hin. Tausende Leute kamen mir entgegen. Ich lief weiter. Südlich der Canal Street lag eine dampfende Flugzeug-Turbine, die eine halbe Häuserfront eingerissen hatte. Es war das Schlimmste, was mir im Leben passiert ist. Aber dass ich zwischen mich und das Geschehen eine Kamera halten konnte, half.

ZEITmagazin: Wie nah waren Sie an den Türmen?

Girst: Ich lief auf dem Broadway, bis ich südlich des Woolworth Building war, von wo man einen freien Blick aufs World Trade Center hat, da ist man etwa 200 Meter entfernt. Dann bin ich wieder umgekehrt. Ich habe das, was ich gefilmt habe, niemals jemandem gezeigt. Als der erste Turm einstürzte, war ich nicht mehr in der Sichtachse. Die Erde bebte. Kurz dachte ich: "Ist das die U-Bahn?" Dann stob diese Rauchwolke, die wir aus den Fernsehbildern kennen, um die Ecke, und wir sind alle gerannt. Ich höre noch mein eigenes Keuchen und Schnaufen und schreiende Leute drum herum.

ZEITmagazin: Wussten Sie, was passiert war?

Girst: Erst mal nicht. Als ich wieder Soho erreicht hatte, traf ich zufällig eine Bekannte. Sie sagte: "Das World Trade Center ist weg." Auf diese Idee war ich gar nicht gekommen. Ich dachte, Bomben seien explodiert. Als dann der zweite Turm einstürzte, war ich schon wieder im Büro. Da hieß es dann, es seien noch zwanzig Flugzeuge unterwegs.

ZEITmagazin: Was macht man in dieser Situation?

Girst: Ich dachte, wenn die sich die Mühe machen, da reinzufliegen, dann haben die auch chemische Waffen da drin, und uns geht jetzt gleich die Haut in Fetzen ab. Ein italienischer Kollege sagte, die Gasleitungen lägen blank, es werde bestimmt gleich eine Feuerwalze durch Lower Manhattan ziehen. Tatsächlich sind die meisten aus dem Lab dann nach Brooklyn aufgebrochen. Die Manhattan Bridge war schon gesperrt, aber über die Brooklyn Bridge liefen Tausende von Menschen. Leute aus den Häusern haben Wasser verteilt.

ZEITmagazin: Wie gingen Sie mit dem Schock um?

Girst: Dass ich traumatisiert war, habe ich erst viel später gemerkt. Elf Tage nach 9/11 habe ich in Deutschland geheiratet und auf der Hochzeitsreise aus den Zeitungen alles rausgeschnitten, was darüber berichtet wurde. Irgendwann waren acht Kilo Hängeregister voll, die fand ich Jahre danach wieder und dachte: Du warst ja komplett neben der Spur! Die Albträume von tief fliegenden Flugzeugen sind übrigens noch heute da.

ZEITmagazin: Was hat Ihnen da geholfen?

Girst: Vielleicht das Schreiben. Noch bevor ich vom Büro nach Brooklyn zurückging, hatte ich tatsächlich einen ersten Augenzeugenbericht für die taz geschrieben, der am 12. September im Blatt war. Dass ich dieses Erlebnis in Worte fassen konnte, war gewiss eine große Therapie. Aber wir sprechen von einem Ort, an dem fast 3.000 Leute gestorben sind, da steht mir das Wort Rettung nicht zu. Ich war dumm genug, da runtergelaufen zu sein.

Kommentare

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Sie sagen Sie seien „dumm genug“ gewesen runtergelaufen zu sein. Ich bin es nicht und ich bereue es bis heute.

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Doch - die Menschen haben aus derartigen Ereignissen sehr wohl etwas "gelernt". Es verhält sich mit solchen Lehren jedoch ähnlich einer "Kollektivschuld". "Die Menschen" haben nämlich keinerlei Einfluss und Macht, Ereignisse und Entwicklungen zu beeinflussen. Geschichte schreiben Individuen und Interessengruppen. Und dieses auch heute: Deshalb gibt es fiktives Recht aber nur individuelle Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit wird nur durch ausgleichende Algorithmen geschafft. Eine moralische, unkurruptierbare Staatsform ist nur die digitale Staatsform, in deren Programm die kollektive, historische Moral festgeschrieben ist. Aber solange die Menschen über autonome, künstliche Intelligenzen Schreckensszenarien malen, kann sich in dieser Richtung nichts entwickeln.

"... ein facettenreicher Mensch ..."

Das glaube ich auch. Außerdem glaube ich, einen Linkshänder erkannt zu haben; an den Unterschieden der Gesichtshälften. Vielleicht ist er umgeschult, vielleicht weiß er das nicht, vielleicht liest er dies.

Bach im BMW bei 200 km/h genieß ich übrigens auch gern. :)