Giorgio Armani: Tragbare Struktur

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 5/2020

Giorgio Armani hat eine Handtasche wieder aufgelegt, die aussieht wie – nun ja, wie eine Handtasche. Allein dies ist schon bemerkenswert in Zeiten, da eine Handtasche wahlweise aussieht wie ein Seesack (Saint Laurent), eine Plastiktüte (Celine), ein Strandkorb (Dolce & Gabbana) oder eine Seemuschel (Chanel). Handtaschen dienen heute als Projektionsfläche von Designer-Visionen, was die Frau dieser Tage darstellen soll. Sie sind mal so groß, dass man darin vielleicht einen kleinen Kühlschrank transportieren kann. Oder so klein, dass kaum eine Kreditkarte hineinpasst. Auf gar keinen Fall will so eine Tasche sich daran orientieren, was eine Frau heute wirklich mit sich herumtragen möchte.

Dass diese Tasche so aussieht, liegt auch daran, dass ihr Design aus einer Zeit stammt, als sich ein Designer wie Armani noch mit der Frage beschäftigen konnte, wie denn die ideale Damenhandtasche wohl aussehen sollte: 1991. Es war die erste, die er überhaupt entwarf, deswegen heißt das Modell auch "La Prima". Und weil sie eben so aussah, wie eine ideale Tasche aussehen sollte, hätte man danach eigentlich keine andere Handtasche mehr entwerfen müssen.

Der 1934 in Piacenza geborene Designer fiel früh mit einer bestimmten Fähigkeit auf: Er konnte verstehen, was die Menschen wirklich wollten, worauf es ankam. Armani hatte nie eine gestalterische Ausbildung erfahren. Sein Medizinstudium hatte er abgebrochen, danach wurde er Schaufensterdekorateur, dann Modeeinkäufer und später Designer bei Cerruti. Als er schließlich sein eigenes Designstudio in Mailand eröffnete, schaffte er es schnell, international auf sich aufmerksam zu machen. Er erfand den Anzug neu, indem er all die Schulterpolster und Wattierungen entfernte, und entwickelte ihn von der Herrenrüstung zum sommerlichen Kleidungsstück weiter. Danach machte er den Anzug für die Frau populär. Armani hatte erkannt, dass die meisten Menschen sich gar nicht unbedingt ausgefallen kleiden wollen, sondern sich in ihren Kleidern sicher und zeitgemäß fühlen möchten. Frauen, die eine Karriere anstrebten, brauchten Kleidung, in der sie sich stark und den Männern, gegen die sie antreten mussten, ebenbürtig fühlen konnten. Auch bei der Handtasche von Armani lässt sich dieser Geist erkennen. Er gab ihr nicht nur eine schlichte Form, sondern verlieh ihr das Innenleben eines Aktenkoffers. Mehrere sauber getrennte Fächer, ein kleines Steckfach für einen Lippenstift und ein ausziehbarer Spiegel: Alles sollte in dieser Tasche fein geordnet sein. Denn Giorgio Armani wusste schon, dass es ein Klischee ist, dass Frauen mit chaotisch gefüllten Taschen durch die Welt gehen. Wer sich durchsetzen möchte, braucht Struktur. So wie Giorgio Armani.

Foto: Peter Langer / Nach ihr kamen viele andere: "La Prima" von Giorgio Armani.

Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

PertlyCornflakes

#2.1  —  vor 4 Wochen

Sucht Frau heute eine wetterfeste Jacke, die nicht unbedingt aus dem hochpreisigen Funktionsmodelabel kommen muss, braucht frau heute schon Geduld. Da werden oft Jacken auch im mittleren Preissegment angeboten, die wohl eher zum "Ausführen der Jacke" gedacht sind.

Ich stoße mich gerade an den Frames hochpreisig und mittleres Preissegment - die können nämlich beide sehr individuell bestimmt sein. Vielleicht gehört "La Sportiva" für Sie noch zum "mittleren Preissegment", dann wäre deren Sortiment mal eine Anprobe wert für Sie. Ich bin eine Frostbeule, betrachte schon 5°C mit Wind als unmenschlich und meckere gern. Bzgl. "La Sportiva" konnte ich bisher noch nichts finden, was ich bemeckern könnte ... die Reißverschlüsse vielleicht. ;) Handtaschen haben die im Übrigen keine, weil das war ja das Thema des Artikels, bei dem wir unbedingt bleiben wollen.

Es gibt nicht nur die " eine " Tasche.

Die meisten Frauen haben mehrere Taschen.

Eine große für die Unterlagen im Job, eine für den Stadtbummel, eine Clutch oder eine kleine Box für die Oper, das Theater und den Drink danach. ( Mindestens. )

Welche Frau träumt nicht von einer Chanel oder Hermes Tasche ?
Für die meisten leider unerschwinglich.

Ich liebe die Modelle von margiela und meine schwarze Prada aus Nylon. Die ist mittlerweile 25 Jahre alt und immer noch schön.

Die abgebildete Armani Tasche ist nicht mein Fall. Genau so wenig wie seine Garderobe. Ich mag es lieber extravagant.

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/rg

"Handtaschen dienen heute als Projektionsfläche von Designer-Visionen, was die Frau dieser Tage darstellen soll."

Ich glaube lieber Hr. Prüfer, Sie projizieren zu viel in die Handtaschen.
Wenn, dann gilt Ihre Erhöhung nur für sehr wenige ikonische Handtaschen, allen voran die Kelly-, oder die Birkin-bag, vielleicht auch noch die Speedy oder die Timeless, wobei deren Exklusivität im Zeitalter der Fakes konterkariert und tatsächlich auch nur von wenigen erkannt wird.
Ich erfreue mich an meinen Taschen ohne Überhöhung, einfach weil sie eine schönes, edles Accessoire und Zeugnis perfekter Handwerkskunst sind.