Harald Martenstein: Über einen kürzlich verstorbenen Kolumnistenkollegen, den Gesellschafts- und Stilkritiker Hermann L. Gremliza

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 5/2020

Vor einigen Jahren hat das ZEITmagazin eine Ausgabe über Kolumnisten produziert, die auch abgelichtet wurden, hübsch als Gruppe vor einem Kamin drapiert. Ich erinnere mich daran, dass Harry Rowohlt beim Fotoshooting dabei war und ein alter Herr, der seit etwa 50 Jahren für den kicker kolumnierte. Auch Hermann L. Gremliza war eingeladen, er füllte, ebenfalls seit Menschengedenken, eine Seite in der ultralinken Monatsschrift konkret. Seine Medienkolumne hieß express. Gremliza hatte die Anfrage des ZEITmagazins mit einer schnippischen Absage beantwortet. Dabei war diese Anfrage ein Beweis bis an die Grenze des Masochismus reichender Liberalität. Wenige Presseorgane wurden von diesem Autor so ausdauernd geschmäht wie die, aus seiner Sicht, reaktionäre ZEIT.

Ich habe express jahrelang gelesen, auch dann noch, als mir die Ausrichtung von konkret nicht mehr gefiel. Gremliza war erklärter Kommunist und gehörte zur Fraktion der "Antideutschen", die alles Deutsche für einen Direktimport aus der Hölle hielten, not my cup of tea. Von Gremlizas Stilkritik konnte man aber viel lernen, etwa, verbrauchte Metaphern zu scheuen wie, nein, bitte auf keinen Fall "der Teufel das Weihwasser". Wie der Wirt das Freibier? Schon eher. Meistgeschmähte Persönlichkeit in express war lange Theo Sommer, viele Jahre Chefredakteur der ZEIT. Dank Gremliza wurde er im linksextremen Sektor einer der bekanntesten Autoren. Gremliza zitierte Sommer: Aufs neue schießt das juristische Denken ins Kraut. Aber Papier ist geduldig. Und kommentierte: "Sein Glück."

Noch ein Zitat gefällig? Es kommt sowieso. "Wie viele Bildungshungrige mag die Anzeige abgeschreckt haben, mit der die ZEIT für Nina Grunenbergs Reportage Vier Tage mit dem Kanzler warb: Zum ersten Mal sah eine Journalistin dem Bundeskanzler bei der Arbeit über die Schultern. Über beide. Wie soll eine so stark schielende Reporterin uns Antwort geben können auf die Frage Was ißt und trinkt er am liebsten?"

Kurz vor Weihnachten ist Gremliza gestorben, ein letzter Kommunist, so hart wie eine Kokosnuss. Oft war er elegant. Ein Kritiker sollte sich ja zumindest annähernd auf dem Niveau des Kritisierten bewegen können. In den anderen Momenten verwendete er Formulierungen wie "bürgerliche Pressköter". Wenn so etwas von links außen kommt, wird es nicht übel genommen, die erfreulich positiven Nachrufe der bürgerlichen Pressköter, auch auf ZEIT ONLINE, beweisen es.

Am ehesten trifft Gremlizas Sound heute Michael Klonovsky, der etwa so rechts außen steht, wie Gremliza links außen stand, ebenso oft die ZEIT schmäht und dessen Gedanken ebenfalls um Deutschland kreisen, bloß andersrum. Gemeinsamkeiten zwischen den beiden sind auch unverkennbar, wenn es um die taz geht, die Gremliza den "Generalanzeiger jugendbewegten Unwohlseins" nannte, oder um Gendersprache. Gremliza zitiert aus dem taz-Bericht über eine Demo: mit besonderer Begeisterung werden dann anschließend die Arme umgedreht, an den Haaren gezogen, getreten, wo immer man/frau trifft. Und kommentiert: "Den Armen wird’s gegeben, der Syntax wird’s genommen, fast wie bei Robin Hood, verzeiht: Robin(e) Hood."

Kommt Folgendes von links oder von rechts? "Es ist leider nicht zu bestreiten, daß die Hysterie, die jedes Kündigungsschreiben als Mordanschlag, jeden prügelnden Bullen als KZ-Wächter und jede Belästigung als Psycho-Terror geißelt, auf linkem Mist gewachsen ist." Könnte von beiden sein, das "leider" verrät Gremliza. Linke wie er werden nicht mehr hergestellt. Man kann das bedauern.

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"Die Liberalen hatten versagt, bei einem Thema, das ihnen am Herzen liegen müßte, der Meinungsfreiheit. Das politische Lagerdenken war ihnen wichtiger als die Freiheit. In Deutschland fragt man sich in so einer Situation natürlich, wie mutig man wohl 1933 gewesen wäre." Ob man nämlich den Mut gehabt hätte, damals einen Protest zugunsten des "Völkischen Beobachters" zu unterschreiben. [erst M., dann G.]

Und Martenstein hat weiter nicht verstanden, dass Links und Rechts nicht dasselbe sind.

Ein bemerkenswert fair pointierter Text, der den rabiaten Flügelstürmern der berüchtigten Kolumnen-Teams FC St.Mauli und TSG (sc. Trümpel sucht Germania) Moffenheim feinsinnige Pässe in den rasenden Lauf schiebt. Da wird der Nachruf zum Nachhuf … das mildert des Entsetzens Schmerz. Es gab ja immer was auf die Glocke. Etwas fehlte freilich: Hatte Robespierre, dieses tugendhafte Sittenschwertlein, jemals Humor?! „Alle Macht den Räten – brecht Augstein die Gräten“. Das himmlische Winterpalais in den Augen, fest auf den Vormarsch der Apo-stolischen Roten Armee gewartet, aber ihren Antisemitismus zutiefst verabscheut. Das nämlich gehört unbedingt in einen Kommentar gerade heute (75 Jahre Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 27.1.2020): Gr. war strikter Befürworter Israels – eine höchst empathische Laudatio auf ihn steht nicht ohne Grund in der „Jüdischen Allgemeinen“. Insofern war er wohl Trotzkist – und keineswegs Stalinist. An der Macht hätte ich weder den einen noch den anderen sehen wollen.
Leser, schaut die Kabale, wenn uns Schreibern wird schlecht.
Die Konterfraktionale kämpft für Kolumnenrecht.

Und nun, ist die Primaballerina der ultralinks angespitzten Schwanzfeder, die eherne DoDo (Dogmatische Domina), ausgestorben (wirklich?!). Überall ist Mauritius …
Im verwilderten Kräutergärtlein der Sancta Columna wuchern bisweilen Schmähblome und Pestwurz. Unter all den Hufeisennasen-Federmäusen, die durch ihren Kreuzgang flattern, machen einige kräftig Wind. Klar, vom reaktionären Dandy gibt’s kein Stürmchen à la Candy. Metapher-Horen stehen immer nah am Bordsteinrande des Schmäh – siehe „Tintenstrolche“ und „Pressköter“ (darauf ein Shit-Häufchen), originär von Karl Kraus.