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Soziale Medien: Sophie Passmann

Unsere Kolumnistin findet, dass das Blockieren in sozialen Medien die Meinungsfreiheit im Netz vielleicht erst garantiert. Von
Aus der Serie: Alles oder nichts ZEITmagazin Nr. 5/2020

Ich war die letzten Jahre pausenlos online und will zusammenfassend sagen: Stimmung eher mittel im Internet. Viele Gewalt- und Todesdrohungen, wenig Klugheit, immer weniger niedliche Fotos von Babys, die das erste Mal etwas Köstliches wie gebratenen Speck probieren und deswegen ganz entzückend grunzen. Die Menschen sind im Netz zwar genauso ausländer- und frauenfeindlich, genauso antisemitisch und naziesk, wie sie es auch im normalen Leben sind, sie haben es mit ihrem Hass im Netz allerdings deutlich leichter als im echten Leben. Wenn man ihn geschickt formuliert, schafft man es sogar als Zuschauerstimme in eine öffentlich-rechtliche Talkshow, und keine Anwaltskanzlei kommt dagegen an. Die Peters und Jürgens und Rüdigers, die mir jeden Tag per Privatnachricht in irgendeinem traurigen sozialen Netzwerk beschreiben, wie genau ich am besten vergewaltigt werden sollte, um wieder zu Verstand zu kommen, sind nach dem Absenden nicht auf einmal wieder analoge und liebevolle Familienväter mit einem liberalen Weltbild. Sie bleiben hasserfüllt. Die Gründe dafür sind mir übrigens egal.

Es gibt nur eine Sache im Internet, die mir große Hoffnung macht: die Blockier-Funktion. Wen ich in einem sozialen Netzwerk blockiere, der kann meine Inhalte nicht mehr sehen, mir nicht mehr schreiben, nicht mehr kommentieren, was ich tue. Blockieren ist das "talk to the hand" des Internets. Die Peters und Jürgens und Rüdigers dieser Welt wollen mich (und unzählige andere) einschüchtern, sie wollen, dass die, die eine andere Meinung sagen, ihren Job verlieren und ihr Ansehen, sie wollen, dass die Familien dieser Menschen in Angst leben und diese Menschen in letzter Konsequenz aufhören, ihre Meinung zu sagen. Sie haben höchstens unsere Ignoranz, nicht aber die Diskussion verdient. Sie sollten keine künstlich zur Demokratierettung hochgejazzten Gesprächsangebote erhalten – keine Annäherung der Welt führt dazu, dass der Rand mehr zur Mitte rückt, sondern im Gegenteil, die Mitte rückt mehr an den Rand. Blockieren hat bei manchen dennoch ein schmuddeliges Image, als würde man sich einem gerechten Diskurs entziehen, als würde man die Meinungsfreiheit einschränken wollen, als würde man einem aufrechten Bürger die Möglichkeit nehmen, gehört zu werden. Aber ganz im Gegenteil ist das Blockieren vielleicht die einzige Möglichkeit, die Meinungsfreiheit im Netz auf Dauer zu garantieren, denn Meinungsfreiheit hat noch nie bedeutet, dass jeder ein Recht hat, gehört zu werden. Und zum Schutz der Meinungsfreiheit gehört auch dazu, die eigene Freiheit zu schützen, sich zu äußern, ohne direkt jede Art von diskursivem Müll, den manche Leute auf einen kippen wollen, wahrnehmen zu müssen. Die Blockier-Funktion ist das Einzige, was das Internet erträglich macht, und sie darf nicht reserviert sein einzig und allein für das Justiziable und das Brutalste. Sie ist da für alles, was mich durch Worte und subtile Drohungen daran hindern will, das zu sagen, was ich sagen möchte. Denn auch wenn es ein wunderschönes Lied ist: Die Gedanken bleiben nicht automatisch frei, man muss sich da schon drum kümmern. Selfcare is an inside job.

Niemand würde in der analogen Welt auf die Idee kommen, am aufmerksamsten denen zuzuhören, die einem sagen, dass man menschlicher Abschaum sei, niemand muss gezwungen werden, Energie für die aufzubringen, die nur zum Ziel haben, einem Energie zu rauben. Niemand würde auf die Idee kommen, den Schulhofmobber auf den Kindergeburtstag der eigenen Tochter einzuladen. Das Internet ist mein Schulhof, und ich habe jeden Tag Geburtstag. Das einzige Geschenk, das ich will, ist, dass wir alle schön weiterblockieren.

Meine Gästeliste wird jeden Tag kleiner.

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