Liv Lisa Fries: "Im Traum muss ich viel abarbeiten. Erholsam sind solche Nächte nicht"

© Bettina Theuerkauf
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 6/2020

Meine Nachtträume sind sehr intensiv und sehr konkret. In ihnen verarbeite ich, was ich am Tag erlebt habe. Das ist sehr anstrengend, vor allem wenn ich mitten in Dreharbeiten stecke. Entspannen, abschalten, das fällt mir im Alltag schwer. Oft sind meine Träume nur eine Verlängerung des Tages, die Anspannung begleitet mich bis in den Schlaf: Ich bin mit den Kollegen am Set, verhandele mit dem Regisseur. Immer bin ich dabei die Schauspielerin, nie die Figur, die ich spiele.

Anscheinend brauche ich diese Form der Verarbeitung. Die Atmosphäre am Set, die vielen Menschen, die unterschiedlichen Beziehungen, die unterschwelligen Fragen: Wo fängt die Figur an, und wo höre ich auf? Wer von uns beiden ist gerade gemeint? All das ist intensiv und fordernd, aber da ich mich auf meine Arbeit konzentrieren muss, kommt die Auseinandersetzung mit diesen Dingen am Tag wohl zu kurz. Daher muss ich im Traum so viel abarbeiten.

Erholsam sind solche Nächte nicht. Deshalb mache ich immer lange Pausen zwischen meinen Projekten. Solche Ruhephasen sind existenziell wichtig für mich – auch um andere Träume haben zu können. Wenn die Anspannung nachlässt, werden meine Träume abstrakter und bunter. Diese Träume genieße ich sehr.

Ich bin eigentlich ein Kopfmensch, ich neige dazu, alles rational ergründen zu wollen. Vielleicht träume ich gerade deshalb von einer Gesellschaft, in der sich nicht alles um Ratio, Leistung, Erfolg oder Attraktivität dreht; in der es nicht nur für Arbeit Anerkennung gibt, sondern auch dafür, Blumen zu pflücken oder in den Himmel zu schauen; in der alle Ausdrucksformen möglich sind und ich eine Frage auch mit einem Tanz, einem Lied oder einem Gedicht beantworten kann; in der wir freier sind, weniger festgelegt und eingeschränkt von den unterschiedlichen Etiketten, die an uns kleben.

Kürzlich habe ich in der Straßenbahn ein Kind gesehen, das scheinbar ohne Anlass laut gelacht hat. Täten wir das als Erwachsene, würden wir merkwürdig beäugt, als gestört oder zumindest als seltsam abgestempelt werden. Ich träume davon, dass es in unserer Gesellschaft mehr Raum für so etwas gibt.

Sicher, ich könnte mir diese Freiheit einfach nehmen, ungeachtet der Reaktionen. Aber wie den meisten ist es mir nicht egal, was andere von mir denken und wie sie mich bewerten. In uns allen ist die Angst, nicht zu genügen, nicht geliebt zu werden. Das führt dazu, dass wir Bestätigung von außen suchen statt in uns selbst, gerade auch in meinem Beruf. Es ist wie bei einem löchrigen, tropfenden Tank, in den wir immer weiter Benzin nachschütten, statt das Loch zu flicken. Ich wünsche mir für mich und andere, dass wir erkennen: Wir sind einzigartig, und es spielt keine Rolle, wie andere uns bewerten oder was sie von uns erwarten.

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Das einzigartige Individuum inmitten von lauter einzigartigen Individuen - das ist das Leben!
Irgendwie viel Befindlichkeitsartikel hier, nix dagegen grundsätzlich..., die Menge machts!