Nachhaltigkeit: Alles auf Grün

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 6/2020

Zurzeit sind sich etliche Luxus-Hersteller darin einig, dass der wahre Luxus jener ist, der die Umwelt möglichst wenig belastet. Bei den Männerschauen in Mailand beispielsweise ließ Giorgio Armani jetzt männliche Models mit Kapuzenjacken auftreten, bei denen breit auf dem Rücken zu lesen war: "I say yes to recycling". Bei Prada stellte man gleich vier neue Stoffe aus recycelten Materialien vor, darunter Stretchnylon aus recycelten Nylonfasern und recyceltes Fleece. Und Herno hat eine "Globe"-Kollektion im Programm: Jacken aus Bio-Materialien, die innerhalb von fünf Jahren kompostierbar sind.

Nun mag man sich fragen, ob ausgerechnet Luxus-Jacken bislang das größte Umweltproblem waren. Es ist jedenfalls nicht bekannt, dass der Müllteppich, der im Pazifik schwimmt, zu großen Teilen aus Jacken italienischer Markenhersteller bestünde. Eine solche Jacke konnte man bislang sogar als vergleichsweise nachhaltiges Produkt bezeichnen, schließlich hat jemand, der einen vierstelligen Betrag in ein Kleidungsstück investiert, meist anderes im Sinn, als das gute Teil gleich nächsten Monat im Mülleimer zu entsorgen. Und wahrscheinlich pflegt man nicht einmal bei Prada den Glauben, die Kunden könnten so viele Jacken konsumieren, dass daraus ein ernstes Entsorgungsproblem entstünde. Vielmehr zeigt die neueste Entwicklung nur deutlich, wie variabel der Begriff des Luxus ist.

Es ist noch nicht lange her, da galt als luxuriöses Material, was der Natur unter größtem Aufwand entnommen worden war: exotische Felle und Leder etwa oder feine Seiden. Ökologische Kleidung war dagegen etwas, das man mit Leuten assoziierte, die nicht nur Pelze, sondern auch Deos ablehnen. Die Umweltfolgen übersah man geflissentlich. Karl Lagerfeld zum Beispiel drückte einmal sein Unverständnis für Pelzgegner aus, als er sagte, Nerze seien doch einfach so etwas "wie bösartige Ratten". Es spricht allerdings für Lagerfeld, dass er später mit derselben Selbstverständlichkeit bei Chanel Kunstpelz einführte.

Dass sich die Luxus-Branche heute auf Öko-Produkte einschwört, sollte aber nicht zynisch stimmen. Denn folgte die Mode nicht ihren eigenen, unvernünftigen Gesetzen, wäre sie keine Mode. Außerdem wird man umweltfreundliche Technologien nur weiterentwickeln, wenn damit sehr viel Geld zu verdienen ist. Und nur dann werden sie irgendwann einmal so günstig sein, dass sie auch den Massenmarkt für Kleidung erreichen, der zurzeit große Umweltprobleme produziert. Ein gutes Gewissen kann man durch den Kauf einer organischen Jacke allerdings kaum erwerben. Jedenfalls nicht, solange man noch gleichzeitig zum Shoppen über den Atlantik fliegt.

Foto: Peter Langer / Graswurzelbewegung: Jacke von Herno Globe

Kommentare

55 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Nützt michts wenn sie Ihr restliches zur Verfüfung stehendes Geld auch ausgeben.
Wenn Luxusprodukte immer billiger werden (was sie auch tun) wird es trotzdem schlimmer .

Das Problem ist systemimmanent und verwaltet wird an den falschen Hebeln dass es den Produzenten nicht schmerzt.

Sicher ist Kunststoff gut, weil der unheimlich lange halten kann. Aber Leider nicht muß.
Mit Kunststoff verstärkte Baumwolle kann ewig halten. Ich kaufe nur mit Nylon oder Polyester verstärkte Socken.