New Hampshire: Das bessere Amerika

In wenigen Tagen finden im US-Bundesstaat New Hampshire Vorwahlen statt. Sie werden mitentscheiden, wen die Demokraten ins Rennen um die Präsidentschaft schicken. Unser Autor ist mit seiner Familie vor einem Jahr hergezogen, hat die Kandidaten im Wahlkampf erlebt – und staunt, dass hier vieles ganz anders ist, als er erwartet hat. Ein Ortsbericht Von
ZEITmagazin Nr. 6/2020

Oh nein, verdammt, leicht macht es uns dieser angeblich so entspannte, lässige, freiheitsliebende Bundesstaat New Hampshire nicht, zu seinen Einwohnern zu werden.

Es ist der 2. Januar 2019. Wir stehen in der Portsmouth City Hall und legen alles auf den Tresen, was wir mitbringen sollten, Visum, Ausweise und die höchst heilige social security number, als die Frage erklingt: "Habt ihr ein Auto?"

"Nein. Wieso?"

"Ohne Auto geht das nicht."

"Bitte, was?"

"Ihr braucht ein Auto."

Und ja, verdammt, die Dame meint das ernst, ohne Auto bleibt man hier rechtloser Fremder, aber immerhin kann sie uns ein Auto empfehlen: Subaru Outback, Allradantrieb, alles andere ist für Anfänger, Stadtmenschen, die nicht wissen, dass New Hampshire im Winter im Schnee versinkt.

Wir verschwinden und kaufen uns einen Subaru Outback von 2014 und kommen zurück.

Sie: "Wo ist euer Führerschein?"

Ich: "Bitte?"

Sie: "Euer New-Hampshire-Führerschein?"

Ich bin an jenem Tag 51 Jahre alt und fahre seit 33 Jahren mit meinem deutschen Führerschein weitestgehend unfallfrei Auto, doch dies ist New Hampshire: Der deutsche Führerschein zählt nicht.

Also lenke ich, führerscheinlos, den Subaru Outback in die Hauptstadt von New Hampshire, Concord, und dort zur Automobilbehörde, wo mir die Sachbearbeiterin sagt, dass mein Journalistenvisum mich leider nicht zur Prüfung berechtige, woraufhin ihr Vorgesetzter erklärt, Journalistenvisa würden sie hier nicht kennen und Journalisten auch nicht, aber ein Visum sei das Ding in meinem Ausweis zweifellos; nach Stunden des Wartens ist es heute aber zu spät für die Prüfung, weshalb ich zwei Wochen später wiederkommen darf. Knapp bestehe ich theoretisch und haarscharf praktisch: "You were speeding", schimpft der Prüfer, 30 Meilen pro Stunde statt 25 sei ich fünf Sekunden lang gefahren. "Du hast Glück, ich habe gute Laune."

Mit dem eigenen Subaru Outback (mit Elch auf dem Nummernschild), Führerschein sowie Visum, Ausweis und Sozialversicherungsnummer geht es zurück in die City Hall.

Die Dame am Tresen: "Habt ihr einen Mietvertrag?"

"Haben wir."

"Notariell beglaubigt?"

"Nein. Muss?"

"Muss."

Also wieder raus und hinein ins süße Stadtzentrum von Portsmouth, das aus nur einem Platz besteht, dem Market Square – sowie den ersten zwei-, dreihundert Metern der vier davon abzweigenden Straßen. Der Mietvertrag wird von der Notarin beglaubigt; und zurück geht es zur City Hall. Und endlich, tatsächlich sind wir eingetragene "residents" des amerikanischen Bundesstaats New Hampshire, der stolz darauf ist, seine Einwohner in Ruhe leben zu lassen und sie niemals bürokratisch zu quälen.

Freiheit ist das Wort aller Wörter in diesem New Hampshire, und im Wesen der Freiheit liegt es, dass sie sich auf viele Arten deuten lässt.

Motorradfahrer bringen sich auf New Hampshires Straßen ohne Helm um, dafür im T-Shirt und auf Harley-Davidsons; eine Helmpflicht jedenfalls wäre unfrei.

Die Bürger haben keine Eisenbahn, kaum Busse, keine öffentlichen Schwimmbäder, und auch die Postämter haben die Innenstädte längst verlassen, denn es gibt keine Steuereinnahmen, da es keine Mehrwert- und Einkommensteuer gibt. Die Zeitung The Union Leader aus Manchester liebt es, allen Politikern vor deren Kandidatur The Pledge, "den Schwur", abzuverlangen: Ich schwöre, keine Steuern einzuführen. Aber, schon verstanden, die Menschen sind gerade deswegen ganz und gar frei, und die Reichen fühlen sich sogar so – Freiheit hat halt bloß, manchmal, ihren Preis.

Es gibt ein Drogenproblem in New Hampshire, ein gewaltiges sogar, im Innern des Bundesstaats kann man es "Epidemie" nennen. Crack ist verbreitet, Schmerzmittel wie das auf Schulhöfen in ganz Amerika angebotene Fentanyl gibt es auch, und ein soziales System, eine ernst zu nehmende Gegenwehr, existiert nicht. Der Preis der Freiheit.

Alle Staaten der USA haben ihr Motto, und jenes von New York ist mir das zweitliebste: "The Empire State", kraftvoll wie ein Filmtitel. New Hampshire aber war schon immer mein unangefochtener Sieger: "Live free or die" – mindestens seit damals, seit der Lektüre von John Irvings Hotel New Hampshire, Lieblingsroman meiner Jugend, die Geschichte von Franny (in die ich verliebt war, was mir beim Lesen auch nicht ständig passiert) und den anderen Kindern der Familie Berry, die in Derry, New Hampshire, ein Hotel eröffnet, in getrennten Flugzeugen nach Wien reist (die Mutter und Egg, der kleine Bruder, kommen nicht an), dort Susie, den Bären, trifft und Freud wiedersieht, den Bärentrainer.

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