Spielzeug: "Ich will eine L.O.L.-Puppe"

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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 6/2020
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Ich möchte etwas über die Liebe unserer Tochter Juli zu bestimmten Puppen schreiben. Aber zunächst eine Frage: Kennt noch jemand den Horrorfilm-Klassiker Die Körperfresser kommen von 1978? Der geht so: Außerirdische unterwerfen die Welt, indem sie sich menschlicher Körper bemächtigen. In einer Schlüsselszene stellt jemand eine seltsame Knospe in einem Wasserglas auf seinen Nachttisch und schläft ein, nicht ahnend, dass in der Blüte ein Alien-Organismus steckt, der über Nacht seinen Körper fressen wird. Ein unheimlicher Film.

Juli also sagte mir eines Tages: "Ich möchte eine L.O.L.-Puppe." Ich wusste nicht, was eine L.O.L.-Puppe ist, Juli aber schon: "Eine L.O.L. kann alles, die kann Wasser trinken, und die kann ihre Farbe ändern, und sie hat ganz tolle Haare." Ich dachte, dass Juli bald aufhören würde, von der Puppe zu sprechen. Sie hatte sich ja schon einen Hund und ein Pferd gewünscht und sich auch damit abgefunden, dass sie die nicht bekommen hatte. Aber Juli hörte nicht auf, von "der L.O.L." zu sprechen. In ihrer Klasse hätten alle Mädchen L.O.L.-Puppen. Ich informierte mich im Internet und sah, dass L.O.L.-Puppen eigentlich "L.O.L. Surprise Dolls" heißen und seit einiger Zeit das große Ding bei kleinen Mädchen sind. Es gibt sie mit extra langen Haaren, große Puppen, kleine Puppen, manche können sogar die Hautfarbe wechseln. Es gibt auch ein L.O.L.-Puppenhaus. Meine Frau und ich einigten uns darauf, dass wir Juli eine L.O.L. zu Nikolaus schenken, statt Schokolade.

Ich war sehr überrascht, dass diese Puppen in großen Plastikkugeln überreicht werden, die mit Folie verschweißt sind. Und allerlei Zubehör dabeihaben, das wiederum in Folie verpackt ist. Alle Verpackungen sind sehr, sehr rosa. Für Eltern, die sich aufgeklärt wähnen, ist es schwer erträglich. Die Puppe an sich ist allerdings erstaunlich: ein Kopf, breit wie ein Kürbis, mit Augen, groß wie Spiegeleier. Der Mund, winzig klein, liegt zwischen den Augen. Der Körper darunter erinnert an einen Wurmfortsatz. Ich habe gelesen, dass Eltern in den USA protestiert haben, weil die männlichen L.O.L.-Puppen Penisse haben. Der Hersteller verteidigte sich, die Puppen seien eben "anatomisch korrekt". Ich muss sagen, dass dies wohl der einzige anatomisch korrekte Körperteil ist. Eigentlich sieht diese Puppe gar nicht menschlich aus. Eher wie ein Alien.

Trotzdem beherrscht sie mittlerweile unseren Alltag. Die L.O.L. ist überall dabei und wird ständig umsorgt. Manchmal weint Juli, weil ein winziger Plastikschuh, fingernagelgroß, der bei der L.O.L. mitgeliefert wurde, verloren ist. Dann hat die L.O.L. gar keine Schuhe mehr, und die ganze Familie sucht mit einer Eile, wie man sonst nur die Schuhe sucht, die Juli vor der Schule vermisst. Zwei Wochen später hatte Juli eine weitere L.O.L., sie hat sie von ihren Geschwistern geschenkt bekommen, dann kam noch eine L.O.L. dazu, ich weiß nicht, woher. Dazu drei L.O.L.-Minipuppen. Vielleicht haben die großen Babys bekommen. Wenn wir am Tisch sitzen und essen, dann sind die L.O.L.s mit dabei. Jeden Abend, wenn Juli ins Bett geht, müssen erst die L.O.L.s ins Bett gebracht werden. Jede einzeln. Manchmal kann Juli schlecht schlafen und kriecht ins Bett der Eltern. Dann kommen die L.O.L.s mit. Juli baut sie neben unserem Bett auf. Vielleicht sind sie ja doch Aliens, denke ich dann. Und die L.O.L.s starren mich mit großen Augen vom Nachttisch aus an und warten, bis ich einschlafe. Zum letzten Mal.

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