© Foto  Herlinde Koelbl

Suzanna Randall: "Ich muss hier raus"

Die angehende Astronautin trat eine Reise an, um eine Niederlage verkraften zu können. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 6/2020

ZEITmagazin: Frau Randall, Sie sind 2009 bei der Esa im Auswahlverfahren als Astronautin gescheitert. 2016 haben Sie sich bei der privat finanzierten Initiative "Die Astronautin" beworben und wurden erst auch nicht genommen. Wie haben Sie die Ablehnungen verkraftet?

Randall: Bei der ersten Auswahl habe ich die Tests auf die leichte Schulter genommen, deswegen war ich nach der ersten Runde schon raus. Ich habe gedacht, dass ich es entweder schaffe oder eben nicht. Im Nachhinein hat mich das sehr geärgert, aber nicht aus der Bahn geworfen. Es war eine verpasste Chance. Beim zweiten Mal habe ich gar nicht damit gerechnet, weit zu kommen. Es hatten sich 400 Frauen beworben, und plötzlich war ich unter den letzten sechs. Von denen mussten zwei ausgewählt werden, und ich war eben nicht dabei. Das war hart, weil ich so nah an meinem Kindheitstraum dran gewesen war. Ich habe damals erlebt, wie in der Sekunde, als die ausgewählten Trainees bekannt gegeben wurden, alle Kameras umschwenkten und ich von einer Sekunde auf die nächste nicht mehr wichtig war. Mit der Entscheidung umzugehen war schwer, obwohl ich gesehen habe, dass es viele Gründe dafür gab.

ZEITmagazin: Haben Sie eine Krise erlebt?

Randall: Ich hatte echte Albträume danach. Fast noch schlimmer war, dass mich alle ständig gefragt haben, was denn schiefgelaufen sei. Das war zwar nett gemeint, aber auch wahnsinnig zermürbend. Ich wollte eigentlich nur mit der Sache abschließen und wurde die ganze Zeit wieder damit konfrontiert. Da habe ich mir gesagt: Ich muss hier raus und weg von allen, die davon gehört haben. Ich bin ganz spontan mit einem guten Freund für ein paar Wochen nach Vietnam in Urlaub gefahren, um nicht verschlungen zu werden. Es war meine Rettung, dass ich dadurch wirklich Abstand gewinnen konnte. Als ich wiedergekommen bin, ging es wieder halbwegs, weil ich die Zeit gehabt hatte, es zu verarbeiten. Ich konnte mir dann auch sagen, dass ich als Finalistin der Auswahl immerhin den Stempel bekommen hatte: "als Astronautin geeignet".

ZEITmagazin: Und dann sind Sie nachgerückt, weil eine der zwei ausgewählten Kandidatinnen ausgestiegen ist. Was empfanden Sie, als Sie davon erfahren haben?

Randall: Mein erster Gedanke war, dass das hoffentlich kein Witz ist. Ich hatte sechs Monate gebraucht, um mit der Ablehnung fertigzuwerden, und mich nach Japan versetzen lassen. Dort saß ich in einem Großraumbüro, als auf einmal die E-Mail mit der Nachricht kam. Ich habe vor Freude gejauchzt, sodass mich alle angestarrt haben. Dabei war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht sicher, ob ich tatsächlich doch in das Programm aufgenommen würde. Es hat noch mal fünf oder sechs Wochen gedauert, bis ich die Gewissheit hatte. Inzwischen habe ich so viel Übung mit der Unsicherheit, dass mich das nicht mehr so aus der Bahn werfen kann. Wenn es so sein sollte, dass ich am Ende doch nicht fliege, werde ich damit auch fertigwerden.

ZEITmagazin: Nur eine der zwei Ausgewählten darf fliegen, Sie könnten die erste deutsche Frau im All sein. Warum hat Deutschland bislang elf Männer im Weltraum gehabt, aber noch keine einzige Frau?

Randall: Es gibt im internationalen Vergleich in Deutschland einfach wenige Frauen in naturwissenschaftlich-technischen Berufen. Das muss an den Rollenmodellen liegen, aber wohl auch daran, dass wir keine positive Diskriminierung hinbekommen. Die Nasa hatte in den letzten beiden Auswahlverfahren 50 Prozent Frauen, einfach deshalb, weil sie das vorgegeben hat. Es braucht Frauen, die auf unkonventionellem Weg oder eben über eine Quote in die etablierten Strukturen hineinkommen.

ZEITmagazin: Als Doktorandin waren Sie in Montreal und sind dort auch in eine reine Männerwelt hineingeraten. Wie waren damals Ihre Erfahrungen?

Randall: Montreal war schwierig, sozial gesehen. Ich war nicht nur die einzige Frau, sondern ich war auch die Einzige, die nicht von dort kam und nicht besonders gut Französisch sprach. Und ich war da in einem französischsprachigen Büro, wo eben fünf Kerle saßen, die mich nicht ernst nahmen. Es kamen immer wieder halb scherzhafte Bemerkungen nach dem Motto: Was will die denn hier? Ich hatte Glück mit meinem Doktorvater, der überhaupt nicht so war und mich immer sehr aufgebaut hat. Mit der Promotion habe ich dann auch gezeigt, was ich kann. Seitdem habe ich viel weniger das Gefühl, mich beweisen zu müssen.

ZEITmagazin: Glauben Sie, dass Sie den absoluten Biss für das haben, was Sie erreichen wollen?

Randall: Wenn es darauf ankommt, kann ich mich zusammenreißen. Ich möchte aber niemals verbissen auf ein Ziel hinarbeiten und versuche immer im Blick zu behalten, dass es nicht das Ende des Lebens ist, wenn etwas nicht klappt. Ich habe Sachen gemacht, von denen ich niemals geglaubt hätte, dass ich sie mal mache, und versuche, nicht alles im Hinblick darauf zu sehen, ob es mir dabei hilft, in den Weltraum zu fliegen.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren