Altern: "Du hattest auch mal mehr Haare"

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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 7/2020
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Ich höre immer wieder, dass man als Vater von Töchtern "der Hahn im Korb" sei. Ich wusste nicht, woher die Redewendung stammt, aber ich stellte mir das nett vor, so ein gemütliches Federvieh zu sein, das in einem hübschen Weidenkorb umhergetragen wird. Manchmal reicht man dem Hahn ein paar Sonnenblumenkerne, manchmal krault man ihm sanft das Gefieder. Die meiste Zeit aber sagen die Frauen Sachen wie: "Das ist aber ein schöner, bunter Hahn!"

Leider ist die Realität anders. Manchmal stellt sich meine Tochter Greta hinter mich und streicht mit den Händen durch meine Haare. Dann sagt Greta: "Du hattest auch mal mehr Haare." Dann ziehe ich meinen Kopf empört weg und sage: "Das stimmt überhaupt nicht, ich hatte schon immer so viele Haare!" Das ist natürlich keine gute Antwort. Aber was wäre eine passende Antwort? Soll ich der frechen Göre sagen, dass ich einen sehr vollen Schopf habe und sie einfach mal genauer hinfühlen soll? Oder soll ich protestieren, dass ich von meinen Kindern erwarte, dass sie Alterserscheinungen ihres Vaters bitte freundlich beschönigen oder zumindest ignorieren sollen? Egal, was ich sage, es klingt wie die Antwort eines Verlierers. Wenn dem Hahn die Federn ausgehen, lachen die Hühner.

Greta geht einmal die Woche zum Geräteturnen. Sie machen da Aufschwünge und Radwenden – solche Sachen. Greta zeigt zu Hause gern, was sie alles gelernt hat, das finde ich voll okay. Wenn sie etwa eine Brücke macht, dann kann sie den Rücken so weit durchbiegen, als wäre er ein Torbogen. Nicht so okay finde ich, wenn Greta mich auffordert, auch mal eine Brücke zu versuchen. Wenn ich eine Brücke mache, bin ich dabei so steif wie ein Playmobil-Männchen. "Das ist doch keine Brücke, das ist Senioren-Gymnastik", unkt Greta dann. Ich frage mich, was das Kind davon hat. Bestenfalls stärkt es sein Selbstbewusstsein, den eigenen Vater ächzen zu sehen. Vielleicht ist es ja gut für junge Frauen, zu erkennen, dass das vermeintlich starke Geschlecht nicht turnen kann. Und natürlich leide ich gern für die Emanzipation. Als Vater von vier Töchtern bin ich ja der größte Profiteur davon. Nur finde ich, dass das gelegentliche Ansprechen meiner Unterlegenheit vollkommen ausreichen würden. Greta kann aber offenbar gar nicht genug davon bekommen.

Neulich forderte sie mich auf, auf dem Boden zu knien und den Oberkörper so weit nach hinten zu lehnen, wie es nur gehe. Ich fand, dass ich ganz schön weit kam, ich beugte mich, bis meine Bauchmuskeln bebten. "Guckt mal, Papa zittert richtig heftig", rief Greta ihren Geschwistern zu. Triumphierend klärte sie mich auf, dass Muskeln dann zittern, wenn sie kurz vor dem Kollaps sind. "Na und", verteidigte ich mich, "wenn man eine derart anstrengende Übung macht, zittert so ein Muskel eben schon mal!" Dann zeigte mir Greta, wie sie sich zurückbiegen kann – und tatsächlich zitterte sie dabei gar nicht. "Für Kinder sind solche Übungen eben viel einfacher als für Erwachsene. Erwachsene haben da einen ganz anderen Hebel", belehrte ich sie. "Meinst du damit den längeren Hebel, an dem du angeblich sitzt?", antwortete Greta und prustete unkontrolliert los. Dabei war das doch gar nicht lustig. Ich habe übrigens mal nachgeschaut, woher die Redewendung vom "Hahn im Korb" kommt. Mit dem Korb meinte man vermutlich einen Käfig aus Bast. Damit wurde das Geflügel früher zum Markt getragen. Dort wurden die Hähne dann verkauft. Anschließend schlachtete man sie.

Kommentare

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Oh, wie sind sie doch nur stumm,
die alten Hähne kräh’n nicht mehr
und plustern Federn hier im Forum.
Es kommt Verstand, die Pläte leer
mit fortgeschritt’nen Jahren.
Dann wird’s für Männer ja gefährlich –
Sie zieh’n Bilanz, ändern Gebaren
und, schlimmer noch, sie werden ehrlich.

Gerade hier in den progressiven Medien, sollten Väter als das gesehen werden, was sie sind. Die Inpersonifikation des Patriachats. Und deswegen sollten sie auch viel mehr als "Erzeuger" bezeichnet werden.