Fahrradhelme: Helmliche Leidenschaft

© Luca de Salvia
Fahrradhelme mögen nützlich sein. Dennoch trägt unsere Kollegin nie einen – weil sie einfach zu hässlich sind. Wann macht die Modewelt dieses Accessoire endlich schön? Von
ZEITmagazin Nr. 7/2020

Seitdem ich mir in der achten Klasse aus einem alten, wild gemusterten Vorhang einen Rock genäht habe, denke ich, ich sei eine sehr unabhängige Person. Eine, die ihr Ding macht, während die anderen zu H&M rennen. Ein paar meiner Freunde nannten mich damals Claire Avantgarde – im Hamburger Westen, wo ich aufgewachsen bin, gilt man schnell als Pionierin, wenn man mal was anderes als Dunkelblau trägt. Mir gefiel mein Spitzname natürlich, und eigentlich hätte mich das Selbstbild, das ich damit verband, zur idealen Kandidatin für den Fahrradhelm gemacht: jenes uncoole Kleidungsstück, das so dringend jemanden braucht, der ihm ein neues Image verleiht. Aber so avantgardistisch war ich dann doch nicht. Ich erinnere mich an einen Ausflug aufs Land in der neunten Klasse, zu dem alle Schüler mit ihren Rädern erscheinen sollten. Meine Mutter fuhr mich und mein Rad mit dem Auto zum Treffpunkt und zwang mich dann vor der versammelten Klasse, einen Helm aufzusetzen. Es war einer der schwärzeren Tage meiner Schulzeit.

Heute kann ich selbst entscheiden, was auf meinen Kopf kommt, und dazu zählt definitiv kein Fahrradhelm. Dabei bewege ich mich viel auf dem Rad fort, manchmal auch nicht ganz regelkonform, etwa mit Musik im Ohr oder in entgegengesetzter Richtung durch Einbahnstraßen. Wenn jemand einen Helm bräuchte, dann ich. Ich fand Helme aber immer furchtbar, weil man damit aussieht wie eine ängstliche Deutsche, die im Bioladen Quinoa-Taler kauft und ihrem Kind am Strand einen von diesen grässlichen Babysonnenhüten mit Nackencape aufsetzt. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich so denke. Aber man kann auch nicht immer was für seine Vorurteile, oder?

In diesem Fall sehe ich die Schuld bei der Modewelt. Die hat es nämlich bis heute nicht geschafft, den Fahrradhelm zu einem gefragten Accessoire zu machen. Funktionsjacken, Radlerhosen, Kassengestelle, Turnschuhe mit dicken Sohlen, Mützen, die wie Teewärmer aussehen – die Mode hat schon den letzten Unrat zum letzten Schrei von Paris geadelt. Nur an den Fahrradhelm hat sich bisher kein Modeschöpfer herangewagt. So ist dieser nach wie vor fest in der Hand von Sportartikelherstellern, die immer noch glauben, neongelb sei eine super Farbe. Und was der Modewelt nicht gelang, daran musste natürlich auch das Bundesverkehrsministerium scheitern: Im vergangenen Jahr hatte es versucht, mit Plakaten, die hübsche, behelmte (und, ja, fast nackte) Menschen zeigten, zum Kopfschutz zu animieren. Statt eines neuen Trends folgte eine Sexismusdebatte.

Warum nur, frage ich mich, hat Karl Lagerfeld nie den Fahrradhelm reformiert? Was ist mit Phoebe Philo, der es doch vor Jahren als Chefdesignerin von Celine auch gelang, die Birkenstocksandale mit einer roten Fellsohle zum Schuh des Jahrzehnts zu machen? Wieso hat es der gefeierte Designer Virgil Abloh bisher versäumt, den Helm neu zu gestalten? Wo ist die Mode, wenn man sie braucht? Hier hätte die oft kritisierte Branche die Gelegenheit, ihren Einfluss wohltätig einzusetzen. Warum nutzt sie die nicht?

Neulich traf ich übrigens meinen Onkel. Er ist sehr cool – er surft, er hat eine Bar in Beirut, er kann Kopfstand auf einem Steinboden machen. Dieser Mann also kam mir plötzlich mit Helm auf dem Kopf entgegengeradelt. Erst traute ich meinen Augen nicht. Dann dachte ich: Eigentlich könnte ich mir auch einen aufsetzen, so doof sieht es ja gar nicht aus. Endlich dämmerte mir: Manche Leute sehen sogar mit einer Salatschüssel auf dem Kopf cool aus. Der Rest wartet auf Abloh – oder wird endlich erwachsen.

Kommentare

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@ din flickvän älskar mig:.... Also ein Helm, der erst dann zum Helm wird, wenn er gebraucht wird. Voila.
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Kenn ich, war im 1. Moment begeistert. Bis ich las, das der per USB zu ladendem Akku, von User aufgeladen werden muss.
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Akku in so was? Ein NoGo & Sicherheitstechnik, die von der Disziplin & dem Wissen der Nutzers abhäng, mMn. auch.
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Vergl. Sicherheitsgurte, Airbags usw. bei denen man/Frau Akku/Batterien auswechseln muss, werden in > 50% der Falle versagen weil... s.o.
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Gr. Sikasuu

"Nicht dass man den Helm zwar tragen muss, aber wenn eine Versicherung zahlen muss, ist man gekniffen, wenn man keinen auf dem Kopf hat."
Dann protestieren Sie bei den Versicherungen, ggf. bei der Politik, nicht bei den Helmträgern. Bitte nicht die Schuld verlagern!

Hummeln können physikalisch nachgewiesen fliegen.
Dieser Spruch ist im Grunde genommen nichts anderes als der Beweis der Fehlbarkeit von Menschen und ein Indiz für die Fähigkeit durch wissenschaftliche Arbeit eine These immer weiter zu verbessern, bis das Ergebnis vollständig die Realität wiedergibt.

Die aerodynamische Berechnung dem dieser Spruch um 1930 zugrunde lag basierte auf starrer Flugzeugkonstruktion. Diese entspricht bei Hummeln nicht der Realität. Ihre "Tragflächen" sind flexibel und erzeugen so ausreichend Auftrieb für die Flugfähigkeit.

Habe zu dem Thema Fahrradhelm, da ich selbst betroffen bin, eine Menge Material durchgewälzt, sowie halt persönliche Erfahrungen gemacht und auch wenn es sicher einen Mehrwert an Schutz gibt, so kann ich nicht erkennen, dass dieser auch nur annähernd hoch genug wäre um die permanente Nutzung eines Helmes zu rechtfertigen.

Eher noch würde ich die Schutzwirkung auf bestimmte Risikogruppen zuweisen, so wie bei Skifahrern. Das bin ich zufällig auch und dort trage ich auch einen Helm, da ich mit gänzlich anderen Geschwindigkeiten und unter anderen räumlichen Gegebenheiten unterwegs bin.

Meine Antwort zu dem Thema läuft im Grunde genommen auf das selbe hinaus wie die Antwort auf dieFrage warum nicht jeder Mensch immer einen Erste Hilfe Koffer mit sich führt.
Weil es unpraktisch wäre und Kosten/Nutzen in keinem Verhältnis zueinander stünden obwohl man damit sicher ein paar Menschenleben mehr retten könnte.

Wenn man deinen Post liest, könnte man denken du bist schon Mal ohne Helm beim Radfahren auf den Kopf gefallen ;)

Wir sind in Deutschland. Hier wird gefälligst jeder gebasht, der keine Angst hat.
Ich jedenfalls habe noch nie jemanden angegriffen, weil er Angst vor Fahrtwind hat.
Das Gebashe kam stets von Helmträgern, die meine Familienvaterfähigkeit anzweifelten, weil ich die dreihundert Meter zum Bäcker durch eine Dreißigzone mit bestimmt vierzehn Stundenkilometer radle. Ohne Helm! Ich Rabenvater!

@ Iksi: Sie haben auf meinen Kommentar geantwortet, aber ich hoffe, Sie haben dabei bemerkt, dass der Abschnitt über "Trump" nicht von mir kam, sondern ich QueQuosa aus #1.0 zitiert habe?

"Wenn man deinen Post liest, könnte man denken du bist schon Mal ohne Helm beim Radfahren auf den Kopf gefallen ;)"

Danke für die Sorge um meine Gesundheit. Ich kann Sie beruhigen: Ich pendele seit 40 Jahren fast täglich auf dem Rad zur Schule und zur Arbeit, meist in der Großstadt und immer ohne Helm, ohne jemals Schaden genommen zu haben.

Aber mal abgesehen von Ihrer Sorge: Was sind jetzt nochmal ihre Argumente? Vielleicht bin ich ja doch etwas begriffstutzig und kann Sie aus Ihrem inhaltsschweren Kommentar nicht herauslesen?

Trotzdem waere es besser einen Helm zu tragen. Warum nicht einen selbst entwerfen?

Ich habe auch nie einen auf wenn ich mal, selten, Fahrradfahre.
Zu Zeiten, als es noch nicht wirklich Pflicht war, habe ich mir in mein Auto schon einen Sicherheitsgurt eingebaut - und strikt benutzt. Eimal habe ich (mit Hilfe anderer Vekehrsteilnehmer) mein Auto in einen Toytalschaden verwandelt. Haette ich nicht meinen Sicherheitsgurt in Benutzung gehabt gaebe es mich schon lange nicht mehr und auch die Versicherungssumme fuer ein neues Auto haette mir nicht mehr genutzt..