Harald Martenstein: Über Kunst und Aktivismus, den Stil der Berliner Taxifahrer und Undank als der Welten Lohn

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 7/2020

Auf den chinesischen Künstler Ai Weiwei bin ich durch die Gala "Cinema for Peace" aufmerksam geworden, die während der Berlinale stattfindet. Da feiern berühmte Menschen in edlem Ambiente sich selber. Das sollen sie gern machen. Im Februar 2016 hatte Ai Weiwei die Gestaltung des Konzerthauses am Gendarmenmarkt übernommen. Er behängte die Fassade mit angeblich originalen Schwimmwesten von Flüchtlingen. Der Höhepunkt der Party bestand darin, dass etliche Gäste, etwa Charlize Theron oder Sarah Wiener, sich mit goldglänzenden Kälteschutzplanen bedeckten, um ihre Solidarität zu beweisen. Einige Gäste machten Selfies mit Flüchtlingen, die der Veranstalter freundlicherweise zur Verfügung stellte. Danach gab es Involtini von der Poularde zu den Klängen einer original Flüchtlingsband, auf einer Leinwand waren Bilder von Hitler und den Massenmorden in Srebenica zu sehen. Die Subtilität dieser Inszenierung bestand darin, dass direkt unter den Augen des angeblichen Vegetariers Adolf Hitler haufenweise Fleisch verputzt wurde, ein mutiger Akt des Widerstands, wie ich damals schrieb.

Leute, die politische Parolen in gut gemeinte Bilder übersetzen, halte ich, ehrlich gesagt, nicht für Künstler. Für mich sind das Aktivisten, die Deko-Artikel für andere Aktivisten herstellen. Diese Art von Polit-Kunst erinnert ein wenig an die Marien mit Jesuskind, die man sich früher ins Wohnzimmer hängte und die ebenfalls der Erbauung dienten. Aber Ai Weiwei ist auch ein Regimekritiker, der in China im Knast war, insofern bin ich auf seiner Seite. Damals intervenierte, relativ heftig, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, es gab in Deutschland einen Appell, den Tausende unterschrieben haben. Um Ai Weiwei aus China loszueisen, bot ihm eine Berliner Uni eine Professur an, die er annahm und drei Jahre innehatte.

Nun ist er in Cambridge und hat ein Interview gegeben. Die Deutschen seien – ich hoffe, ich kriege alles zusammen – autoritätshörig, unhöflich, fremdenfeindlich, gehorsam, ungehemmt und "ohne jegliche Integrität". Sie würden "andere Denkungsarten abwerten", und das, so Ai Weiwei, sei "Nazismus". Da bin ich echt erschrocken. Wenn die Definition von Nazismus darin besteht, dass andere Denkungsarten abgewertet werden, bestehen etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung aus Nazis, womöglich einschließlich des Künstlers Ai Weiwei. Kein schöner Gedanke. Dass die Deutschen gleichzeitig "gehorsam" und "ungehemmt" sind, kommt mir ein bisschen widersprüchlich vor, würde ein gehorsamer Mensch nicht auf Befehl seine Hemmungen hintanstellen?

Ich habe mich gefragt, was ihn so geärgert hat, ganz konkret. Angeblich ist er in Berlin zweimal aus einem Taxi geflogen, einmal, weil er gegen den Willen des Taxifahrenden ein Fenster geöffnet hat, über die Außentemperatur ist nichts bekannt. Beim zweiten Mal soll er mit seiner Mutter telefoniert haben, der Himmel weiß, wie laut. Dazu hat ein Kollege aus der Schweiz angemerkt, dass dies eben der Stil mancher Berliner Taxifahrer sei, autoritätshörig sind die gerade nicht. Ich hoffe, dass die Taxifahrer in Cambridge mehr Respekt vor berühmten Künstlern haben, sonst müssen sich die Briten auf einiges gefasst machen.

Ja, das ist bitter, man tut Gutes, man hilft, und dann das. Es kommt öfter vor, als man denkt, auch in dieser Hinsicht ist Ai Weiwei Mainstream. Für alle Fälle habe ich schon mal recherchiert, wie das deutsche Sprichwort "Undank ist der Welten Lohn" auf Englisch heißt. Die englische Version lautet: "Nothing is so hard as man’s ingratitude".

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