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Meir Shalev: "Alle Kugeln durchschlugen meinen Körper und traten wieder aus"

Nach einer Kriegsverletzung war der Schriftsteller überzeugt, dass ihn nichts mehr töten kann. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 7/2020

ZEITmagazin: Herr Shalev, wir haben beide Psychologie studiert. Hat Ihnen das Studium gefallen?

Meir Shalev: Um ehrlich zu sein, war das Studium ein Fehler. Bis heute interessiere ich mich mehr für das Verhalten der Tiere als für Menschen.

ZEITmagazin: Sie sind nicht daran interessiert, wie Menschen denken und fühlen?

Shalev: Ich halte Menschen für sehr interessante Tiere. Mein Ansatz ist aber ein literarischer, der nicht zu tief in die Seele hineinschaut. So bleibt genügend Raum für die Fantasie und die Intelligenz der Leser. Es ist wie beim Lesen der Bibel: Der Leser stellt sich Fragen und kann sich sein eigenes Urteil bilden. Antworten gibt die Bibel auch keine.

ZEITmagazin: Darf ich in Ihre Seele hineinschauen? Als Sie 19 Jahre alt waren, wurden Sie als Soldat während des Sechstagekrieges 1967 schwer verwundet. Was ist damals passiert?

Shalev: Bei einer Erkundungspatrouille sollten wir das Terrain an der Grenze zwischen Israel und Jordanien überprüfen. Wir wurden in zwei Teams aufgeteilt, die zwei Kilometer voneinander entfernt unterwegs sein sollten. Unser Offizier lotste unser Team aber an den falschen Ort. Es war dunkel, und als die aus der zweiten Gruppe sich uns von hinten näherten und unsere Schatten im Wasser sahen, dachten sie, wir wären Feinde, und fingen an zu schießen.

ZEITmagazin: Ohne jede Vorwarnung?

Shalev: Die Anordnung lautete, immer nach einem Codewort zu fragen, aber das taten sie nicht, und ich hätte das auch nicht gemacht. Sie schossen, und vier von uns wurden sofort getötet. Von den übrigen war ich am schwersten verletzt. Die erste Kugel traf mich im Rücken und hob mich fast in die Luft. Es fühlte sich an, als hätte ein Elefant mir einen Fußtritt verpasst. Alle Kugeln durchschlugen meinen Körper und traten wieder aus. Ich lag im niedrigen Wasser, war sehr ruhig und voll bei Bewusstsein. Ich hatte unglaubliche Schmerzen, nahm mein Messer und schlitzte meine Hose auf. Ich wollte sehen, wo ich getroffen worden war. Eine Kugel hatte den Knochen aus meinem Bein herausgedrückt. Ich schob ihn wieder rein. Dann fanden mich meine Freunde und brachten mich zu einem kleinen Lkw.

ZEITmagazin: War Ihnen in dem Moment klar, dass Sie sterben könnten?

Shalev: Im Lkw auf dem Weg zum Hubschrauber dachte der Sanitätsarzt, ich sei tot. Ich lag regungslos auf dem Rücken, und er deckte mein Gesicht mit einem Tuch zu. Ich dachte, wenn ich so am Helikopter ankomme, dann wird der Notarzt dort auch denken, dass ich tot bin, also schob ich das Tuch weg. Im Hubschrauber durchströmte mich ein zartes, süßes Gefühl des Sterbens, ein sehr friedliches Dahingleiten. Und auch der Schmerz war weg. Ich dachte mir, jetzt ist es so weit, der Tod kommt.

ZEITmagazin: Was passierte im Krankenhaus?

Shalev: Ich hatte acht offene Frakturen an Hüfte und Oberschenkeln. Eine der Kugeln war nur einen halben Zentimeter von der Wirbelsäule entfernt eingeschlagen, das war mein großes Glück. Der Arzt machte eine Art Experiment: Anstatt mich vom Hals bis zu den Zehen einzugipsen, wurde alles mit Schienen und Schnüren fixiert. Es sah entsetzlich aus, aber ich konnte mich immerhin bewegen und mich auch mal kratzen. Aber ich musste die ganze Zeit auf dem Rücken liegen.

ZEITmagazin: Was war das Schwierigste in der Zeit?

Shalev: Mein größtes Problem waren die Verletzungen. Dem Körper ist es egal, ob die Kugeln aus einem israelischen oder palästinensischen Gewehr kommen. Mich hatten vier getroffen. Es war ein physisches Trauma. Zum Glück war ich nicht psychisch traumatisiert. Ich fand eine Freundin im Krankenhaus, so war die Genesung recht angenehm. Sie arbeitete auf der Kinderstation. Jemand hatte ihr von einem verletzten Soldaten erzählt, der einen Schallplattenspieler und tolle Platten auf dem Zimmer habe. Sie kam in mein Zimmer, um Musik zu hören, und wir hatten eine Liebesaffäre. Diese Liebe war sehr heilsam. Wir wussten aber beide, es ist vorbei, sobald ich das Krankenhaus verlasse.

ZEITmagazin: Sie scheinen eine große psychische Widerstandsfähigkeit zu haben.

Shalev: Anstatt mich verletzlich und schwach zu fühlen, war ich davon überzeugt, dass mich nichts mehr töten kann. Ich habe diesen Unfall überlebt, ich bin immun. Vielleicht ein dummes, aber sehr positives Gefühl. Ich habe nicht gejammert, ich habe mich selbst beschäftigt, viel gelesen und geschrieben. Und ich habe einen Sinn für Humor.

ZEITmagazin: Wie ist denn Ihr Humor?

Shalev: Ich glaube daran, dass Tassen, Teller und Schuhe eine Seele haben, also rede ich mit ihnen, vorzugsweise, wenn ich allein zu Hause bin und mich niemand hört. Wenn ich verreise und Socken einpacke, versichere ich den anderen Socken: Keine Sorge, nächstes Mal nehme ich euch mit. Und wenn ich in dem Dorf meiner Familie spazieren gehe, rede ich mit den Kühen, Schafen und Pferden. Wir haben immer tolle Gespräche. Meine Sichtweise auf das Leben ist eben ein bisschen schräg.

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3 Kommentare Kommentieren

Also ich habe in der Bibel Antworten gefunden. Nicht auf alle Fragen, aber auf einige sehr wichtige. Darüber hinaus jedoch vor allem Fragen an mich durch die Bibel. z. B. welcher Mensch ich sein will. Sie hinterfragt mich und korrigiert mich, dafür bin ich sehr dankbar. Sonst wäre ich ein unleidlicher Mensch.

Angesichts der Meldungen in den Zeitungen vielleicht eine gute Einstellung.