Zwangsjacke: Angeschnallte Mode

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 8/2020

Als Alessandro Michele, der Kreativdirektor von Gucci, in Mailand die diesjährige Frühjahr-Sommer-Kollektion vorstellte, ging der Modenschau eine Modenschau voraus: Vor der eigentlichen Präsentation wurden die Models auf einem Fließband, wie man es in Fabriken benutzt, am Publikum vorbeigezogen – dicht hintereinander aufgestellt und alle in unterschiedliche weiße Zwangsjacken verschnürt. Diese Stücke waren nicht für den Verkauf bestimmt, sondern als eine Art Stimmungsbild gemeint, um zu zeigen, wie bedrückt und befangen die junge Generation ist.

Andere Marken gehen derzeit mit Anleihen an Zwangsjacken sogar noch weiter – bis in die Geschäfte hinein. So sehen wir große Schnallen an einem Kleid von Sacai, viele Schließen bei Jacken von Fila, ein Kleid mit großer Schnalle bei Burberry und eine geschnallte Weste bei Hermès. Die österreichische Designerin Marina Hoermanseder hat sogar ihre gesamte Markenidentität auf großen Schnallen aufgebaut.

Eingeführt wurde die Zwangsjacke im 19. Jahrhundert, als man sogenannte "Irrenanstalten" gründete. Dass Menschen an der Seele leiden können, dass sie an sich selbst verzweifeln können, war der damaligen Medizin noch fremd. Statt diese Menschen zu therapieren, isolierte man sie und hielt sie von der Öffentlichkeit fern. Man sah in den "Irren" weniger leidende, sondern der Rohheit und Wildheit verfallene Menschen, die es zu erziehen gelte wie Kinder. Dass sich unter solchen Umständen ein psychisches Leiden besserte, war kaum möglich. Und so blieb nur die Fixierung mit der Zwangsjacke, um die Patienten daran zu hindern, sich selbst zu verletzen. Sie wurde eingesetzt, damit sich der psychisch Kranke dem Willen des Anstaltsarztes unterwarf und fügsam wurde.

Das Image der Irrenanstalten wirkte lange nach. Bis weit ins 20. Jahrhundert galt es als Makel, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen oder gar auf stationäre Hilfe in einer Psychiatrie angewiesen zu sein. Heute reden Menschen wesentlich offener über psychische Probleme – und es kommt sogar zu einer Ästhetisierung psychischen Leidens in Form von Büchern und Filmen. In der Mode kann die Zwangsjacke nun zitiert werden, weil es im realen Leben keine Berührung mehr damit gibt. Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren war das anders, damals nannte man sie "Schutzjacken". In den USA wurde die Zwangsjacke sogar noch wesentlich länger eingesetzt, der letzte Hersteller stellte die Produktion erst 2017 ein. Zwei Jahre bevor Gucci sie wieder auf den Laufsteg geschickt hat.

Foto: Peter Langer / Alles gut verschnürt? Oberteil von Hermès

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