Stephan Pusch: "Die letzten Wochen waren die intensivsten meines Lebens"

© David Scherrers
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 14/2020

Wenn ich morgens aufwache, ist das zurzeit nicht wie sonst. Ich brauche keinen Wecker. Morgens um sechs stehe ich wie elektrisiert neben dem Bett, den Kopf voller Gedanken an meine Aufgaben in der Corona-Krise. Die letzten Wochen waren die intensivsten meines Lebens. Das geht uns allen im Krisenstab so, alle zeigen sich dabei von ihrer besten Seite. Wir kommen an unsere Grenzen und machen uns gegenseitig Mut.

Ich habe mich schon immer in der Gemeinschaft engagiert. Wenn jemand mit einem Problem zu mir kam und fragte, ob ich das regeln kann, dann habe ich das gemacht. Deshalb bin ich auch Anwalt geworden, das war mein Traumberuf. Ich wollte nicht Staatsanwalt oder Richter werden, sondern schon im Vorhinein ausgleichen. Dabei habe ich mich geweigert, Nachbarschaftsstreits zu übernehmen, denn ich wusste: Der Rechtsstreit ist nur die Spitze des Eisbergs, der wahre Grund des Konflikts ist irgendwelches Pillepalle. Ich habe dann die Nachbarn angerufen, um das Problem zu finden. Zufrieden war ich nur, wenn der Rechtsstreit beigelegt werden konnte. Die Nachbarn wurden dann zwar nicht beste Freunde, konnten aber gedeihlich nebeneinander leben.

Politisch wurde ich während des Jura-Studiums. Ich bin in einem 2000-Seelen-Dorf aufgewachsen, mit Vereinsleben, Messdienern, Pfadfindern. Da habe ich soziale Kompetenzen und Empathie gelernt. In diesem Dorf hatte man ein Herz für andere und pflegte die Gemeinschaft. Dass die Voraussetzung dafür ein demokratischer Staat ist, habe ich erst im Studium begriffen, als ich mich mit den Grundrechten beschäftigt habe. Auch deshalb wurde ich später Politiker.

Meine Kinder sollen in derselben Atmosphäre aufwachsen wie ich, mit Offenheit, Menschlichkeit, Freiheit – das ist mein größter Wunsch. Ich möchte, dass die scheitern, die nichts anderes wollen, als die liberale Gesellschaft zu zersetzen, die Politiker einschüchtern und Menschenfeindlichkeit säen.

Mir fehlen Integrationsfiguren, die die Menschen mitnehmen. Man sollte den Leuten nicht immer nur Lösungen präsentieren, sondern sie einbinden. Möglichst viele sollen am Ende hinter einer Entscheidung stehen, man muss also immer auch Kompromisse eingehen. Mediation, das kann ich ganz gut.

Vor ein paar Jahren wurde ich gefragt, ob ich für den Bundestag kandidieren möchte. Ich habe mich dagegen entschieden. Als Landrat kann ich einfach mehr bewirken, ich bin Chef der Kreispolizeibehörde und habe einen riesigen Verwaltungsapparat. Vor allem habe ich eine praktische Aufgabe. Ich löse lieber jeden Tag zehn kleine Probleme, als fünf Monate an einem Gesetzesvorhaben zu sitzen.

Als Kind habe ich mich oft in Westernfilme hineingeträumt: Ich war darin der Held, der durch die Prärie reitet und die Menschen beschützt. Der Retter der Enterbten und so etwas.

Derzeit löse ich unzählige Probleme, jeden Tag. Und es sind trotzdem lange nicht genug. Das wichtigste Ziel ist, dass möglichst wenige Leute sterben.

Kindheitsträume werden manchmal wahr, und heute bin ich vielleicht so eine Art Held von Heinsberg. Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass das auf andere Weise passiert wäre.

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