Ralf Hütter steht in einem Ausstellungsraum des Düsseldorfer Museums Kunstpalast und nimmt seinen Kopf in die Hand – den Kopf des Roboters, der als sein Stellvertreter seit Jahrzehnten bei Konzerten der Band Kraftwerk immer wieder auf der Bühne steht. "Die Köpfe wurden gerade frisch geliefert", sagt er. Sie sollen auf die vier Roboter aufgesetzt werden, die jetzt noch in Kisten liegen. Auf einer davon ist "Ralf" zu lesen, die Vornamen der anderen Bandmitglieder stehen auf den Kisten daneben, "Fritz" (Hilpert), "Henning" (Schmitz) und "Falk" (Grieffenhagen). Hütter ist Mitgründer und das letzte verbliebene Mitglied der Originalbesetzung. Er betrachtet den Kopf und wirkt zufrieden. "Wir haben die Gesichter neu malen lassen", sagt er, "die Wimpern haben wir auch erneuert, weil sie verstaubt waren."
Auch Kraftwerks Roboter hatten natürlich Pause seit Beginn der Pandemie. Nächstes Jahr soll es wieder losgehen mit Konzerten, zunächst aber mit einer Ausstellung im Kunstpalast unter dem Titel Electro. Von Kraftwerk bis Techno. Sie wird am 9. Dezember eröffnet.
An diesem Novembertag ist Hütter in den Kunstpalast gekommen, um nachzusehen, wie der Aufbau läuft. An der Vorbereitung der Ausstellung hat er selbst mitgewirkt. Er deutet auf eine Kiste mit der Aufschrift "Daft Punk" und sagt: "Da sind die Helme der beiden drin." Das französische Duo hat sich Anfang 2021 offiziell aufgelöst. "Sie waren erst nicht dabei, aber ich habe sie gebeten, doch mitzumachen." Hütter schätzt sie sehr, für ihre Musik und für ihre Inszenierungen. Daft Punks Helme, unter denen sich die beiden Musiker Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo die meiste Zeit ihrer Karriere versteckt hielten, sind auch eine Hommage an die Roboter von Kraftwerk.
500 Exponate umfasst die Ausstellung, die zuerst im Pariser Musée de la Musique zu sehen war. Eigentlich hatte der Kunstpalast Hütter eingeladen, eine eigene Ausstellung ausschließlich über seine Band zu machen, die in Düsseldorf gegründet wurde und im dortigen Kling-Klang-Studio ihre Alben produzierte. "In der Düsseldorfer Altstadt", erinnert sich Hütter, "hatten wir unseren allerersten Auftritt, 1968 im Creamcheese." Das Lokal, eröffnet 1967, geschlossen 1976, ist ein Mythos für sich. Gestaltet wurde es vom Maler Günther Uecker, der mit seinen Nagel-Bildern Kunstgeschichte geschrieben hat. Im Vorraum hing ein Werk von Gerhard Richter. Die Macher des Creamcheese wollten Kunst mit Popmusik verbinden, Kraftwerk ist dieser Idee bis heute treu geblieben. "Wir waren Teil der künstlerischen Altstadtszene, die es heute nicht mehr gibt", sagt Hütter. "Am Kickertisch stehen mit Joseph Beuys – kein Problem, die Kunst war ganz selbstverständlich um uns herum." Damals traten Kraftwerk in Galerien im Rheinland auf, in den vergangenen Jahren in den bedeutenden Museen der Welt. Welche Erinnerung hat Hütter an den allerersten Auftritt? "Wir haben improvisiert, wir hatten gar kein Repertoire", sagt er. Die Roboter waren noch nicht programmiert.
Ralf Hütter deutet auf weitere Kisten, in denen Synthesizer gelagert sind. "Ein original Minimoog ist auch dabei, den hatte ich damals für Autobahn verwendet." Mit diesem Stück, 1974 auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht, war der Kraftwerk-Sound geboren, der die Band zu einer der einflussreichsten der Popgeschichte werden ließ. "Was wir da gemacht haben, hat damals nicht nur Begeisterung ausgelöst, besonders in Deutschland nicht", sagt Hütter. "Wir kamen ursprünglich aus der experimentellen Szene, aus dem Free Jazz. Und plötzlich zeigten wir einen Mercedes und einen VW und sangen 'Fahrn fahrn fahrn / auf der Autobahn'. In Europa war die Platte zunächst kein Erfolg." Der kam erst über die Clubs in den USA zustande.
"Als wir das Album Autobahn zum ersten Mal unserer deutschen Plattenfirma vorgespielt haben, hat der verantwortliche Mitarbeiter nur gesagt: 'Was für eine langweilige Musik' ", erinnert sich Hütter. Die Platte erschien trotzdem. "Sie war das Einzige, was wir fertig hatten. Man darf nicht vergessen, dass wir vor Autobahn eine siebenjährige Phase des Experimentierens hatten. Die Leute denken, man geht halt mal ins Studio und fragt sich: Was spielen wir denn heute, ja, genau, 'Fahrn auf der Autobahn'!Und zwei Stunden später hat man das aufgenommen. Aber so ist das nicht." Mit "Experimentierphase" meint Hütter die drei Kraftwerk-Alben, die vor Autobahn erschienen sind, er betrachtet sie heute als Probeläufe. "1974 hatten wir das erste Mal definiert, was wir machen. Die Platten vorher waren wie experimentelle Kurzfilme, Autobahn war unser erster Spielfilm."
War den Kraftwerk-Musikern damals bewusst, wie provozierend ihr Sound, ihr Look sein würden? "Uns ging es nicht um Provokation, es ging uns um die Darstellung unseres Alltags. Wir haben unser Leben vertont." Dann zitiert er eine Autobahn-Zeile: "Fahrbahn ist ein graues Band / Weißer Streifen, grüner Rand." Schmunzelnd sagt er: "In der Popmusik damals gab es vor allem Texte wie 'Ich liebe dich, du bist nicht treu, wann sehen wir uns, komm zurück'."
Eine Mitarbeiterin des Museums führt uns jetzt auf verschlungenen Wegen zu einem Büro, in dem wir in Ruhe reden können. Als sie sich zwischendurch kurz orientieren muss, sagt Hütter zu ihr: "Holen Sie uns nachher wieder ab! Sonst bleiben wir hier zurück als Ausstellungsstück."
Vor vier Jahren haben wir uns zuletzt gesehen, damals waren Kraftwerk in Detroit aufgetreten – ein bewegendes Erlebnis. Nach dem Konzert traf Hütter viele der Musiker und DJs, die dort in den Achtzigerjahren Techno entwickelt hatten, beeinflusst auch von Kraftwerk. Von einem "Familiengefühl" hat er damals gesprochen, von der Familie der elektronischen Musik. Mit einem der Pioniere des Genres, Juan Atkins, stehe er jetzt wieder in einem intensiven Austausch, erzählt er. "Wir haben ihm ein paar Originalsounds von uns geschickt", sagt Hütter, er sei sehr gespannt, ob Atkins sie verwenden werde. Ist das die erste Zusammenarbeit dieser Art? Hütter nickt. Zwischen Kraftwerk und dem Frankfurter Musiker Moses Pelham läuft seit zwei Jahrzehnten ein Rechtsstreit über die Frage, ob Pelham 1997 ein Sample der Band verwenden durfte – die Frage ist noch immer nicht abschließend geklärt. Bei Juan Atkins hingegen, das sieht man Hütter jetzt an, würde er sich freuen, wenn er Kraftwerk zitieren würde: "Man muss immer schauen, wem man etwas gibt."