Aussteiger Käse statt Karriere

© Paul Kruth
Ute Rohrbeck hat ihren Job beim Film gegen ein Leben im Reifekeller getauscht. In der Mecklenburger Provinz stellt sie selbst Ziegenkäse her. Aber macht Käse glücklich? Von

An Ute Rohrbecks linkem Hosenbein klebt ein Stück ihres alten Lebens. Eingetrocknete Wandfarbe. Als Theatermalerin gehörten solche Flecken zum Arbeitsalltag dazu. Heute trägt die 52-Jährige immer öfter porentiefreine, weiße Kittel und ein Haarnetz über den langen, blonden Dreadlocks. Eine Hygienemaßnahme. Für eine Käsemacherin ein Muss

In ihrem alten Leben hatte Rohrbeck für Detlev Bucks Filme Karniggels und Wir können auch anders… Studioleinwände bemalt, mit Pepe Danquart einen Science-Fiction-Film ausgestattet, und an großen Studiobauten für Reinhard Hauffs Musical Linie Eins gearbeitet. Jetzt macht sie Käse, 200 Kilo pro Woche, 20 verschiedene Sorten: Camembert, Frischkäse, Blauschimmel – alles aus frischer Ziegenmilch.

Zugleich tauschte Rohrbeck ihr Stadtleben gegen eines auf dem Land. Die Berlinerin lebt und arbeitet im Biosphärenreservat Schaalsee. Ein schöner Grenzstreifen, findet sie, mit mangelhafter Infrastruktur. Dafür sei die Gegend immer noch ruhig, sagt Rohrbeck. "Wenn man da ist, fühlt es sich so an, als wäre man ganz weit weg."

Die Entscheidung, mit Mann und zwei Kindern aufs Land zu ziehen, kam, wie solche Entscheidungen kommen: Eben mit dem Mann und den zwei Kindern. "Zunächst sind wir ständig zwischen Hamburg und Berlin gependelt. Aber weil wir beide beim Film arbeiteten und projekteweise immer länger unterwegs waren, war das irgendwann zu chaotisch", sagt Rohrbeck. Ziemlich genau in der Mitte, in Rögnitz östlich des Schaalsees, fand die Familie 1994 in einem renovierungsbedürftigen Gutshof ein neues Zuhause. Für ihre Filmjobs reiste Rohrbeck nun eben immer etwas weiter.

Ute Rohrbeck © Inka Wilden

Nach fünf Jahren wollten Ute Rohrbeck und ihr Mann nicht länger nur Gäste sein im idyllischen Mecklenburg-Vorpommern, sondern einen Beitrag zur Wiederbelebung der Gegend leisten. Vielleicht kam dieser Wunsch daher, dass die beiden "West-Künstler", wie sie sich selbst nennen, von den Ost-Nachbarn so nett aufgenommen worden waren. "Erst war mir die Mentalität auf dem Land völlig fremd", sagt Rohrbeck. "Aber ich dachte, offensiv ist wohl am besten." Sie sprach alle Nachbarn an, lud jeden ein und wurde schnell Teil der Gemeinde. In den vergangenen fünf Jahren war sie sogar stellvertretende Bürgermeisterin des Dorfes.

Zwölf Ziegen und ein paar Liter Milch

Auf die "Faschingsidee" mit dem Ziegenkäse sei ihr Mann gekommen. Das würde zu der Landschaft passen. Und außerdem aß die Familie ihn selbst so gern. Ute Rohrbeck fand das sofort gut. Es passte nämlich auch zum Theatermalen: "Bei beiden Berufen rührt man oft in großen Töpfen", sagt sie und lacht lange und laut. "Ich wusste gleich: Wir nennen das Ganze 'Kunst und Käse'."

Es gibt aber noch mehr Parallelen zwischen ihrer Filmwelt und der Käserei, sagt Rohrbeck. "Als Theatermalerin habe ich die Vorgaben des Bühnenbildners für die große Bühne umgesetzt. Die gedankliche Leistung ist beim Käse dieselbe. Man muss sich Techniken ausdenken und überlegen: Wie kriege ich das schnell und in Groß hin?"

Sie kaufte sich zunächst massenhaft italienischen und französischen Ziegenkäse und versuchte, ihn mit der Milch eines befreundeten Bauern nachzumachen. Ihr gesamtes Know-how habe sie aus einem winzigen Büchlein über das Käsemachen für Zuhause, sagt Rohrbeck. "Viel schief gehen kann beim Käsemachen ja eigentlich nicht. Im schlimmsten Fall will man einen Camembert machen und heraus kommt ein Hüttenkäse." Erschwert wird der Lernprozess allerdings dadurch, dass man seine Ergebnisse je nach Käsesorte erst Monate später im Reifekeller sieht.

Ein einziges Mal ließ Rohrbeck sich von einem erfahrenen Käsemacher beraten, der Rest ihres heute umfassenden Käsewissens entstand über die Jahre durch Ausprobieren. "Richtig schwierig wurde es eigentlich erst später", sagt Rohrbeck. Denn mit der Käserei wuchs auch der Ziegenhof ihres Partners. Was mit zwölf Ziegen und ein paar Litern Milch begonnen hatte, ist heute eine Herde mit 140 Tieren, die weit mehr als 1.000 Liter Milch pro Woche geben.

Jeden Handgriff selber machen

Viel zu viel um den daraus entstehenden Käse nur ab und an auf den Wochenmärkten rund um Rögnitz zu verkaufen. Rohrbeck musste feste Abnehmer finden. Allerdings: "Solche Läden wollen immerzu gleichbleibende Qualität. Denen konnte ich nicht in dieser Woche einen weichen und in der nächsten einen festen Camembert liefern, mal einen hohen und mal einen flachen." Für die Käseautodidaktin eine Herausforderung. Außerdem brauchen große Mengen Käse viel Pflege. "Wenn Käse gut werden soll, muss er jeden zweiten Tag umgedreht und gehätschelt werden. Zeitweise stand ich nächtelang im Keller und habe Käse gewaschen."

Ute Rohrbecks Laden "Kunst und Käse" in Berlin-Kreuzberg © Ute Rohrbeck

Vor sechs Jahren stellte Rohrbeck schließlich ihre ersten Mitarbeiter für Produktion und Verkauf ein. Spätestens da war aus der "Faschingsidee" eine Firma und die erfolgreiche Zweitkarriere einer Kulturschaffenden geworden. Achtzig Prozent ihres Käses vertreibt Rohrbeck heute über Bioläden und das Warenhaus Manufactum, den Rest in ihrem Hofladen. "Organisieren konnte ich immer schon gut. Und mir ständig neue Sachen ausdenken sowieso. Alles, was unangenehm ist, Steuer und so, lasse ich einen Fachmann machen", sagt Rohrbeck und lacht wieder ihr lautes Lachen.

Ihr Betrieb habe jetzt eine Größe erreicht, die gut sei, sagt sie. "Mehr braucht es nicht zu werden. Ich will ja weiterhin viel selber machen und nicht irgendwann nur noch eine Verwalterin meiner Angestellten sein. Wände streichen, zum Beispiel."

Das tut sie gerade in ihrem neuen Laden Kunst und Käse in Berlin-Kreuzberg. Die Wände hat die Malerin mit Ziegenköpfen bemalt, die Käsetheke mit Kunstrasen beklebt. Der Schritt zurück in die Stadt ist nachvollziehbar, seit sich vor allem Großstädter zunehmend dafür interessieren, woher ihre Lebensmittel kommen. Hochzufrieden steht Rohrbeck in ihrem neuen Laden. Trotz aller Leidenschaft für ihren neuen Beruf sieht man ihr an, wie sie diesen Ausflug in ihr altes Leben als Theatermalerin genossen hat.  

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