Frau am Herd Ich koch doch!

© Jörg Block
Unsere Autorin war überzeugte Nichtköchin. Doch ein Mann und ein Umzug nach Paris lockten sie in die Küche. Dort warteten Niederlagen – und schließlich ein süßer Triumph. Von
Aus der Serie: Selbstkochen

Noch vor wenigen Jahren setzte ich mich abends am liebsten vor den Fernseher und bereitete mir dort mein Essen zu. Das war schnell erledigt: das Grillhähnchen vom Türken gegenüber auf einen Teller kippen, die Salate von der Feinkosttheke im Supermarkt öffnen, oder auch den Burger vom Fastfoodladen aus der Tüte holen, der – ich gestehe – immer dann äußerst praktisch auf dem Heimweg lag, wenn die Widerstandskraft zuvor durch ein Gläschen Wein mit Kollegen herabgesetzt worden war. Es war natürlich nicht nur ein Gläschen. Nie. 

Heute setze ich mich abends am liebsten vor den Fernseher und lasse mir mein Essen servieren. Nicht vom Pizzaboten, sondern von dem Mann, den ich extra dafür geheiratet habe. Und der Schuld daran ist, dass auch ich mittlerweile weiß, wozu eine Küche da ist. 

Zeit meines Single-Lebens war ich überzeugte Nichtköchin. Kann man schließlich alles fertig kaufen. Geschmacklich war meine Single-Kost nicht immer das Gelbe vom Ei, aber man kann sich auch Essen schöntrinken. Für mich war das ein feministischer Akt, zumindest redete ich mir das kräftig ein: Meine Mutter musste die Familie mit Essen versorgen, ob sie wollte oder nicht. Ich hatte die Wahl und keine Familie, verweigerte mich und fand mich ziemlich gut deswegen.

Interessant, aber was hat das mit mir zu tun?

Zudem stamme ich aus einer Zeit, in der es noch nicht schick war, seinen Freunden am heimischen Esstisch aus südbalinesischem Treibholz die niedrigtemperaturgegarte Lammkeule an Rosmarinkartöffelchen zu servieren. Damals tippte man sich noch an die Stirn über Menschen, die einen Erntedank-Truthahn erst handmassierten, um ihn danach sieben Stunden lang alle fünf Minuten mit bretonischer Fassbutter zu übergießen.

Dann jedoch kam dieser Mann, über den ich mich nicht mehr lustig machen konnte, wenn er ein halbes Wochenende in ein Chili investierte. Wobei Chili noch eine seiner leichtesten Übungen ist. Diesem Mann machte Kochen Spaß – und mir machte es Spaß, ihm dabei zuzusehen. Und immer dann, wenn ich verkostete, was der Mann in unserer stinknormalen Küche, in unseren stinknormalen Töpfen zubereitet hatte, hauchte ich mit einem staunenden, ungläubigen Unterton: "Das kann man alles selbst machen!" Eine markerschütternde Erkenntnis. Und der Beginn eines langen, sanften Lernprozesses. 

Dank meiner guten Erziehung begann ich, dem Mann in der Küche zur Hand zu gehen. Wie er seine Saucen zaubert oder woran er erkennt, wann das Fleisch perfekt ist, weiß ich bis heute nicht. Aber ich habe begriffen, dass Kochen keine Hexerei ist, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit hinter verschlossenen Küchentüren in teuren Restaurants stattfindet. Man kann das wirklich alles selbst machen. 

Meine Erweckungsphase fiel just in jene Zeit, als man den Fernseher nicht einschalten konnte, ohne auf eine Kochshow zu stoßen. Zuvor hatten diese Sendungen für mich die Relevanz einer Doku über die Hamburger Herbertstraße: interessant, aber was hat das mit mir zu tun? Nun bildete ich mir ein, etwas von ihnen lernen zu können und guckte Mälzer, Lafer und Wiener bei der Zubereitung irgendwelcher eurasischer Pfannengerichte zu. Danach konnte ich ungefähr so gut kochen, wie ich nach einer Woche Wimbledon-Berichterstattung hätte Tennis spielen können. 

Entscheidend is aufm Platz. Kochen lernt man nur durchs Kochen.

Den Antrieb, endlich damit anzufangen, verdanke ich dem Umstand, dass ich schlicht ein verfressenes Stück bin, welches ein paar Jahre sehr weit von bestimmten geliebten Lebensmitteln entfernt leben musste, nämlich in Paris. Die Franzosen kreieren Wunder in ihren Küchen, aber sie haben ein Problem mit zwei Grundnahrungsmitteln: Brot und Kardinalschnitten. Beide gehörten für mich mein Leben lang zu den Dingen, die man nur fertig und vom Profi kaufen kann. In der Stadt des Baguettes aber wurde mein Leidensdruck so groß, dass ich begann, mein eigenes Brot zu backen.

Die Erinnerung an meine ersten Versuche, die Frisbees ähnelten und bei unsachgemäßer Handhabung die eine oder andere Zehe kosten konnten, habe ich dank Therapie erfolgreich verdrängt. Doch es kam der Tag, an dem ich einen selbstgebackenen Laib anschnitt und mit Tränen in den Augen sagen konnte: "Ich habe echtes Brot gebacken!" 

Bei meinen ersten Kardinalschnitten war ich nicht einmal mehr der Worte mächtig. Es handelt sich um eine österreichische Mehlspeise aus Baiser, Biskuitteig und einer Sahnefüllung, die ich nie lange genug vor Augen gehabt hatte, um ihren Aufbau ausreichend zu studieren. Ich wusste nur: Es ist kompliziert. Doch sogar Kardinalschnitten konnte ich selbst machen!

Blut, Schweiß, Tränen – wörtlich

Diese Erfahrungen öffneten Schleusen, walzten Hemmschwellen nieder, Aha-Erlebnisse rollten mit einer solchen Druckwelle durch mein verkümmertes Köchinnenhirn, dass dort kein Vorurteil auf dem anderen blieb. Allein die Erkenntnis, dass es sehr wohl sinnvoll ist, sich an empfohlene Garzeiten zu halten, war für mich lebensverändernd. Ich muss in meiner frühen Kindheit ein traumatisches Erlebnis mit einer knackigen Karotte gehabt haben. Seither kochte ich jede zu Tode. Nun tastete ich mich langsam an den perfekten Zeitpunkt heran. 

An dieser Stelle sollte ich allerdings gestehen, dass das Einreißen besagter Dämme kurzzeitig schwere Verwüstungen auslöste. Denn Selbstkochen bedeutet Blut, Schweiß und Tränen – wörtlich. Meine Schwester hat mir zu Weihnachten wieder Heftpflaster geschenkt, die Großpackung für Profiküchen. Kochen kostet auch viel Zeit, selbst dann, wenn man eine gewisse Routine hat und nicht für jedes Rezept doppelt so lange braucht, wie angegeben, weil man immer wieder entscheidende Handlungsanweisungen überliest. 

Selbstkochen kostet auch deshalb Zeit, weil man erst einmal die Zutaten beschaffen muss. Im Idealfall ist das mit einem wöchentlichen Marktbesuch erledigt. Wenn man aber übers Ziel hinausschießt, gehen schnell ein paar Stunden für Recherche und Besorgung von, sagen wir, Zuckerrübenmolasse drauf, die man unbedingt für dieses eine Rezept braucht, das man danach nie wieder findet, weswegen man die Molasse fünf Jahre später ins WC kippt. Ausgerechnet ich, deren Ehrgeiz sich bis dahin darauf beschränkte hatte, Schokopudding aus der Tüte ohne Anbrennen zu kochen, bildete mir plötzlich ein, alles selbst zubereiten zu müssen, auch wenn es problemlos im nächsten Supermarkt erhältlich war. Weißes Nougat zum Beispiel. 

Doch eine weise Köchin erkennt man daran, dass sie zugibt, wenn andere etwas besser können. Meinen Frischkäse werde ich beispielsweise nicht mehr allzu oft selbst herstellen, auch wenn das in der Foodie-Szene derzeit als Fingerübung gilt. Bei selbstgemachtem Joghurt ist die Entscheidung noch nicht gefallen, hier liefern sich Aufwand und Ergebnis ein Kopf-an-Kopf-Rennen. 

Früher habe ich vor Rezepten gebockt, die mehr als fünf Zutaten enthalten. Heute ist eines meiner absoluten Lieblingsgerichte ein Linseneintopf aus dem Buch Schlaraffenland von Stevan Paul mit nicht weniger als 22. Ich brauche dafür zwei Stunden, bereue meine Entscheidung jedes Mal spätestens beim Ziselieren des Stangensellerie und beglückwünsche mich dazu, sobald ich den ersten Löffel koste. Und ich weiß genau, was drin ist. Ich habe jede Karotte persönlich gecastet, die Linsensorte selbst ausgewählt und weiß, dass der Geschmack einer raffinierten Kombination von Gewürzen zu verdanken ist.

Niemals improvisieren!

Inzwischen fühle ich mich auch nicht mehr unemanzipiert, wenn ich in der Küche stehe. Man darf als Frau ja sogar wieder öffentlich stricken. Zu verdanken habe ich das dem Umstand, dass Kochen vor einigen Jahren zu einer Art Lebensanschauung wurde. Jedes ehrliche Butterbrot gilt seither als kleines Manifest. Hühner darf man eigentlich nur noch dann essen, wenn man ihren kompletten Lebenslauf kennt

Das ist ein bisschen anstrengend, hat aber auch sein Gutes: Viele haben das Kochen wiederentdeckt, und zwar erfreulicherweise ohne selbstdarstellerische Zelebration. Man darf sich heute immer noch über die Truthahn-Masseure lustig machen, danach aber ungestraft fragen, wie lange massieren und wo. Und ich fühle mich nicht mehr wie eine Tussi, wenn ich eine Freundin um das Rezept für ihre eingelegten Zucchini bitte. 

Macht mir das Kochen, so wie dem Gatten, nun endlich Spaß? Es kommt darauf an, wie es am Ende schmeckt. Stundenlang fluchend in der Küche zu stehen, um ein Brathähnchen auf den Tisch zu stellen, das einem aus den Ohren staubt, ist nicht meine Auffassung von Spaß. Aber stundenlang fluchend in der Küche zu stehen, um dann das wunderbare Linsengericht servieren zu können, macht Spaß. Und ein bisschen Masochismus ist ja immer dabei. 

Vermutlich verhält es sich mit dem Kochen wie mit allen Fertigkeiten: Zu Beginn ist es eine frustrierende Plackerei. Wer Klavierspielen lernt, kann auch nicht gleich mit den Goldberg-Variationen beginnen. Selbstkochen braucht Mut, Ausdauer und idealerweise jemanden, der rettend eingreifen kann, wenn die Zwiebeln fürs Gulasch wieder einmal nicht bräunen wollen. Dazu noch etwas Organisationstalent sowie den heiligen Schwur, niemals zu improvisieren. Selbst wenn man glaubt, es jetzt endlich zu können. 

Kochen kann ich nämlich immer noch nicht. Ich kann Rezepte nachbauen, immerhin. Mit den Jahren bemerke ich gewisse Lerneffekte, sodass ich nicht mehr bei jedem Einsatz die Küche in Schutt und Asche lege. Doch wenn wir Freunde einladen, stellt sich nach wie vor der Gatte an den Herd, sonst haben wir bald keine mehr. Ich übernehme die Desserts, da ist die Trefferquote höher. Des Gatten Gabe, genau zu wissen, was wie wozu passt, fehlt mir jedoch ebenso wie die Fähigkeit, mir beim Lesen eines Rezepts schon das fertige Gericht vorzustellen.

Improvisieren? Daran wage ich mich erst in vielen, vielen Jahren wieder. Fragen Sie diesbezüglich den Gatten nach meinen Baisers mit Currygeschmack. Aber gehen Sie besser vorher in Deckung.

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