© Oof Verschuren

Yvette van Boven Die Alles-Selber-Macherin

Aus der Serie: Selbstkochen
Mit ihrer weltweit erfolgreichen Kochbuchreihe "Home Made" stillt Yvette van Boven eine große Sehnsucht unserer Zeit: Mach es einfach selbst und genieß es. Von

Wenn die Welt da draußen auseinanderfällt, stricken sich viele in den eigenen vier Wänden ein. Oder jäten den Garten vor der Tür. Mit dem selbst angebauten Gemüse darin. Und den selbst getöpferten Kräuterschildern. Cocooning hieß das in den Achtzigern, später Homing. Jetzt ist es DIY. Do it yourself, mach es selbst. Die Begriffe beschreiben Unterschiedliches, aber meinen in ihrer konsumtauglichen Form dasselbe: den Rückzug aus einer Welt, die sich zu schnell dreht, zu kaputt und unübersichtlich erscheint. Und sie umreißen eine Sehnsucht nach Häuslichkeit. Nach einer kleinen Ordnung im großen Verfall.

Zu einem gemütlichen Zuhause gehört auch gutes Essen. Und so dekoriert die Spezies der Foodies mittlerweile ganze Facebook-Timelines mit Essensfotos, Leute reden über Kochtechniken, von denen hat zuvor niemand gehört: Stichwort Molekularküche. Oder Paläo. Und dann gibt es natürlich auch den Trend zur neuen alten Hausmannskost. Die Verkaufszahlen von Kochbüchern steigen seit Jahren – parallel dazu wächst ihre Vielfalt.

Aber was macht eigentlich ein gutes Kochbuch aus? Das Essen schmeckt wahnsinnig lecker, die Zubereitung erfordert keine Neuanschaffung spektakulärer Küchengeräte, es ist kein Diätbuch und vor allem: es trägt ein bisschen Sehnsucht in sich. So wie die Kochbücher von Yvette van Boven.

Sie ist der Star einer neuen Kochbewegung. Während des Mittagessens in Amsterdam erzählt die Niederländerin, dass sich ihre Bücher wie die des Kinderbuchautors Maurice Sendak anfühlen sollen: "Früher habe ich mit meinen Büchern wie mit einem Teddy gekuschelt." Die mittlerweile drei Ausgaben ihrer Home-Made-Reihe sind ziemlich schwere Ziegel, nicht wirklich anschmiegsam. Aber sie verströmen dieses warme Gefühl von Häuslichkeit, getragen von ein wenig Urlaubsluft. Die Köchin bezeichnet ihren Stil als mediterran, aber ein irischer Plumpudding ist auch dabei. Taboulé Salat, Pulled Pork, Gurkensuppe, Rösti, Grüntee-Sahneeis.

Cover des Kochbuchs "Home Made Winter" © DuMont Buchverlag

Die Bilder in Winter. Home Made zeigen Yvette van Boven, wie sie, fest eingemummelt, in Paris eine Tüte Churros nascht. In Sommer. Home Made stapft sie in Kleid und Espandrilles durch einen Gemüsegarten in Amsterdam. Sonnige, erdige Farben bestimmen die Fotos, die ihr langjähriger Lebensgefährte Oof Verschuren aufgenommen hat – die Häuserwand in Barcelona, der Zucchinikuchen mit Zitronenglasur, der Freund, der einen Pink & Juicy-Drink mischt. Gemütlich. Wie die handgeschriebenen Kapiteltitel der Bücher und die vielen Illustrationen, die van Boven selbst gezeichnet hat.

Als Fünfjährige begann sie mit einem Kochrezept für Rührei – eine blaue Pfanne, ein ganzes Ei, ein zerschlagenes Ei. Bis heute zeichnet sie manche Rezepte komplett, von den Zutaten bis zum Servieren. Beispielsweise den Salat mit Feigen, Brunnenkresse und Rauchfleisch. Das sieht locker dahingemalt aus, ist aber in seiner Lässigkeit auch sehr professionell – das hat sie an der Kunsthochschule in Antwerpen gelernt: "Meine Eltern wollten, dass meine Schwester und ich etwas Künstlerisches machen, nichts Praktisches."

Das Künstlerinnendasein allerdings ist van Boven zu ziellos. Also studiert sie Innenarchitektur, kocht als Nebenverdienst. Sie eröffnet sie mit ihrer Schwester ein Büro, merkt aber nach einer Weile, dass sie lieber Kuchen bäckt, als mit einem Helm über eine Baustelle zu laufen und den Leuten zu sagen, wo der Tresen hingebaut werden soll.

Home Made. Hausgemacht, selbst gemacht. Das steht nicht nur für van Bovens Kochbücher, sondern für ihr ganzes Leben. Selbermachen als Selbstbestimmung. Das kann auch heißen, nicht das zu machen, was viel Geld verspricht, sondern das, was die Leidenschaft fordert. Also eröffnet sie schließlich mit ihrem Cousin ihr eigenes Restaurant – das Aan de Amstel. Als Kochen endlich van Bovens Leben bestimmen darf, ist sie 37 Jahre alt.

Das Aan de Amstel in Amsterdam © DuMont Buchverlag

Das Aan de Amstel ist ein Lokal, in dem die hochwertige Gemütlichkeit aus allen Fugen kriecht. Kacheln an den Wänden, schwere Holztische. Der Hauptgang für etwa 20 Euro kommt auf einem Brettchen. Das Essen hier entspricht van Bovens Kochbüchern. Es sieht lecker aus, die Speisetitel verzichten auf Fremdwörter, es schmeckt wie früher und trotzdem ganz anders.

Mittlerweile ist Yvette van Boven nicht mehr Chefköchin des Restaurants, sie erlitt 2009 einen Bandscheibenvorfall. Das war der schicksalhafte Moment, der sie dazu zwang, ihr erstes professionelles Buch zu machen, für das sie über die Jahre Rezepte und Fotos gesammelt hatte. Sie ging zu einem Verlag, täuschte vor, dass sie das Projekt ganz allein umsetzen könne und brachte sich in den folgenden Nächten mit YouTube ein Layout-Programm bei. Die Grenzen zwischen selbstbestimmt und stur sind oft fließend, auch bei Yvette van Boven. Sie habe eben ein genaues Bild im Kopf gehabt, wie ihr Kochbuch auszusehen habe, erzählt sie beim Espresso.

Locker dahingemalt: Minzlimonade © DuMont Buchverlag

Großes Vorbild für das 2010 erschienene Home Made sei der Franzose Stèphane Reynaud und sein A Propos Bistro gewesen. Wer die beiden Bücher vergleicht, wird die Verwandtschaft erkennen. Es ist tatsächlich nicht so, dass Yvette van Boven die Art, in der ihre Bücher gemacht sind, neu erfunden hätte. Essen aus anderen Kochbüchern ist auch lecker. Andere Bücher sind auch mit viel Liebe gemacht. Woher also dieser große Erfolg? Menschen aus der ganzen Welt schreiben ihr Fanbriefe, sie geht auf Lesetour durch die USA, ihre Bücher sind in vier Sprachen übersetzt.

Vielleicht ist dies das Besondere: Yvette van Boven isst gern, und das kann man sehen. Ihre Dressings haben meistens die dreifache Menge an Öl, als Salate normalerweise abbekommen. In den Kuchen fließt Bier, und der Whiskey wird mit Zucker, Zitrone und Gewürzen als Heißversion zum Schlechtwettergetränk. Es muss nicht immer die nobelste Speise auf den Tisch. Ein Rezept im Winter-Buch geht so: Ziegenkäse kaufen, in kleine Förmchen packen, Schuss Sherry oben drauf, das Ganze in den Ofen schieben und dann mit gekauften Gebäckstangen knabbern. Im Sommer-Buch ist fast alles schnell serviert – schließlich solle man in dieser Jahreszeit lieber draußen spazieren, anstatt drinnen zu kochen. Wie die Buchtitel versprechen, geht es auch um die Grundlagen: Kürbis einwecken, Sirup kochen, Butter machen. "Es ist einfach gut festzustellen, dass du es auch alleine machen kannst", sagt die Köchin.

Feines Sommerrezept: Zucchiniblüten © DuMont Buchverlag

Van Boven folgt mit ihren Büchern nicht nur ihrer Leidenschaft fürs Kochen. Beinahe genauso wichtig ist es ihr, nicht das essen zu müssen, was andere gemacht haben. Diese Freiheit auszuleben ist ein Luxus. Diejenigen, die ihn sich leisten können, scheint der Wunsch umzutreiben, die Dinge selbst anzupacken. Yvette van Boven zeigt ihnen, wie das geht.

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Die Plätze für den Workshop mit Yvette van Bovenam Dienstag, den 14. April, sind vergeben. Vielen Dank für Ihre Teilnahme! Wie man selber Brot backen kann in weniger als einer Stunde und viele weitere kulinarische Geschichten, Tipps und Rezepte finden Sie vom 13. bis 17. April hier bei unserer Themenwoche "Selbstkochen".

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

So viele Buchstaben für das Promoten eines "Iwents" mit der Autorin, wo diese eine Werbeplattform bekommt. Na ja, man hätt' sich's denken können.
Wer ein Kochbuch sucht, das (allerdings französische) Hausmannskost im besten Sinn nahbringt und kochbar macht, muß antiquarisch suchen: "La Bonne Grand-Mère" von Sabine Schneider gibt's beim ZVAB für rund 80 Euro, beim Amazonas ab 22 Euro. Allerdings fehlt darin sehr wohltuend das heute wohl so unverzichtbare wie entbehrliche selbstdarstellerische Element.

Selbst kochen, wer kann das noch?
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Aber stricken, häcklen,.. ist alles wieder in. Jetzt auch kochen wie bei Oma:-))
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Von Henriette Davides im Netz bis zum Standard-Rezeptlexikon (zw 1.000-2.000 Rezepten für 10-20€) gibt unzählige Grundlagen OHNE CHI-CHI.
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Kochen ist wie jedes Handwerk etwas, das man üben muss. Mit dem Werkzeug umgehen muss man/Frau lernen, die Produkte kann man auch nicht ON-Line kaufen sondern muss sie ansehem. riechen... usw.... und dann muss es zig mal schief gehen, bis es so viel Gefühl fürs kochen gibt, bis ungefähr reproduzierbare Ergebnisse raus kommen.
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Früher (tm) lernte man/Frau das zw. 10-15J. , wenn man zu Hause mithelfen durfte/musste. Heute gibt es im Netz die Rezeptsammlung vom Dienst.
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Oder in der Zeit, redaktionelle? Werbung für eine Autorin :-))
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Gruss
Sikasuu
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Ps. Man nehme: einen Laptop/Tablett, wasche ihn gut ab und lege ihn 3 Minuten in die Mikrowelle bei grösster Stufe. Danach ziehe man das alte Kochbuch aus dem Regal zu rate, schau im Laden, auf dem Markt was gut und frisch ist, gerade in der Umgebung Saison hat und zaubere etwas, was man/Frau bis heute noch nicht gekocht hat.
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Zum Testen Freunde und Familie einladen. Dann merkt man/Frau schnell was "echte" Freunde sind :-))

Mayonäse, Brot, Dips, Saucen.....So zieht man seine Kinder und den Mann in den Bann. Ohne Quoten, ohne Gleichberechtigung, ohne die Pille danach. Ja es gibt sie die gute Welt, wir haben sie uns nur vergessen lassen. Werbung und Medien bieten immer neue fertige "Gerichte"
In Asien existieren zwei Welten, eine ist bei der Mutter die Andere ist aussen. Könige schwärmten endlos über die heile Welt rund um die Mutter.

ach, das Leben... es ist so schön, wenn man das ganz Einfache liebt. Durch Amsterdam stapfen hier, durch Barcelona dort und und und. Und dann wird das REstaurant eröffnet und die Medien helfen fleißig mit, begeistert auf die Kochkurse/iwänts hinzuweisen.

DAs ärgert mich an so vielen neuen Kochbüchern. Entweder man wird mit Ideologie zugeschwallt als könne man sich nicht für Veganes begeistern ohne gleich seitensweise zu lesen, wie arm die Tierchen in den Ställen sind usw. oder es wird endlos über den Koch selbst geredt, wie er zu dem Kochbuch kam, wie er sich fühlt blablubb. Ganz zu schweigen von den oft absurden Zutatenlisten der "ganz normalen bodenständigen Küche", die dann aus Currypulver xyz aus London, dem in jedem Spezialitätenladen erhältlichen xy-Samen (250 g nur 39 Euro) usw. besteht.

Da mag ich dann doch die ganz einfachen Kochbücher lieber, in denen Rezept an Rezept gereiht wird oder aber die Selbstverliebtheit der Autoren nicht so hervorsticht. Gierschsalat mit Zitronenmelissendressing - hmmmmmm...