Kapstadt Aus Liebe zum Sandwich

© Karen Dudley
Karen Dudley betreibt in Kapstadt ein einzigartiges Restaurant. Wo früher Drogen vertickt wurden, gibt es jetzt Frisches aus aller Welt. Michelle Obama war auch schon da. Von

Karen Dudley, 47, in ihrem Deli The Kitchen interviewen zu wollen, ist wie mit einem Erstklässler auf dem Spielplatz Hausaufgaben zu machen – fast unmöglich. Erst will der Lieferant die letzte Bestellung durchgehen. Dann hält ihr eine Köchin eine kleine Portion Baba Ghanoush zum Probieren hin. Hinter ihr schnibbeln die anderen Köchinnen Gemüse, marinieren Geflügel, rühren Dressings an und tragen Platte für Platte für das nächste Catering aus der Küche.

Dudley lässt sich von dem Trubel nicht aus der Ruhe bringen, ganz im Gegenteil, sie behält jederzeit den Überblick und kümmert sich nebenbei noch um ihre Gäste: Kreativvolk in Flip-Flops, Anzugträger und junge Mütter mit ihren Babys. Die Besitzerin heißt fast jeden einzeln willkommen. Etwa die ältere Dame, der Dudley "I love your blouse!" entgegenruft, als wären die beiden alte Freundinnen.

Ob der Ansturm am Speisenangebot von The Kitchen liegt oder an der Besitzerin? Es ist wahrscheinliche eine Mischung aus beidem. Denn im The Kitchen in Woodstock, Kapstadt, ist der Name Programm. Die Stimmung ist entspannt, es sieht fast aus wie zu Hause. Hinter der Holztheke reihen sich in einem überdimensionalen Setzkasten Porzellanteller, -tassen und -figuren aneinander. An der Wand gegenüber hängen alte botanische Skizzen, ein Porträt von Mozart und eine heimatliche Strandszenerie. Die Nostalgie-Kitsch-Kombi passt zu Dudley, die selbst ein grün-rosa geblümtes Kleid mit Perlenkette und Undercut trägt. Spricht sie von ihren Gerichten, benutzt sie auffällig oft Wörter wie amazing, wonderful, divine und delicious. Dudley ist selbstbewusst und das darf sie auch sein.

Das Deli lebt von der Sammelleidenschaft seiner Macherin. © Karen Dudley

Denn auch in ihrer Küche herrscht Sammelleidenschaft. Dort bereiten Dudley und ihre Köchinnen ein internationales Best-of zu. Keine nouvelle cuisine, wie sie auf den Weingütern nahe Kapstadt auf Schiefertafeln serviert wird. Keine großen Fleischportionen wie beim südafrikanischen Barbecue, dem Braai, wo vor allem Strauß und Springbock auf dem Grill landen. Dudleys Bestseller sind ihre Love Sandwiches. Die Zubereitung benötigt pro Stulle fast zehn Minuten: Erst wird das Baguette mit zweierlei hausgemachtem Pesto bestrichen, danach mit gegrilltem Fleisch oder gegrillter Aubergine und Avocado, Salat, Tomaten und allem, was sich der Kunde selbst noch wünscht, aufs Üppigste belegt. Am Ende wird es einige Sekunden lang per Hand zusammengepresst, damit sich alles gut verbindet. Dudley, selbst erkorene Queen of Sandwiches, will mit ihren belegten Brötchen dem Hungrigen das geben, was er gerade braucht. Manche brauchen etwas Frisches zur Inspiration, sprich viel Gemüse. Andere bräuchten vielleicht Trost in Form eines Peanut Butter Sandwiches, Soulfood sozusagen. "Und natürlich steckt auch in der langsamen, immer frischen Zubereitung viel Liebe."

Des Weiteren im Angebot: frische Salate, die in all ihrer Vielfalt die Geschichte Kapstadts als Einwanderergesellschaft erzählen. Da trifft indischer Biryani-Salat auf marokkanischen Couscous und chinesischen Krautsalat, begleitet wird diese wilde Mischung von Hummus und einem Happen New York Cheesecake zum Dessert. Ein Konzept verfolgt Dudley bei ihren Kompositionen nicht: "You either got it or you ain't got it, baby!", sagt sie. Und: "Ich habe eine Nase dafür, was fabelhaft schmeckt." Stimmt, jeder einzelne Salat schmeckt anders besonders.

Zur Mittagszeit kann man aus 20 verschiedenen Salaten seinen eigenen Mix zusammenstellen.

Die gebürtige Südafrikanerin hat in den neunziger Jahren am Kulinarischen Institut in den USA gelernt, der besten Kochschmiede der Welt, mit Absolventen wie Anthony Bourdain oder David Burke. Nach einem weiteren Zwischenstopp in Großbritannien kehrte Dudley in ihre Heimat Kapstadt zurück und gründete ihr eigenes Catering-Unternehmen. 2009 eröffnete sie in einem heruntergekommenen Fischladen an der Sir Lowry Road ihr Deli. Mitten in Woodstock, das lange Zeit als gefährlich galt und von vielen Kapstädtern wegen der Kriminalität gemieden wurde. Woodstock hatte schon immer etwas Verruchtes: "Ich kann mich noch gut an die Prostituierten und die Dealer auf der Straße erinnern. Früher kam nur nach Woodstock, wer sein Auto reparieren lassen oder Drogen kaufen wollte".

Aber nicht nur Dudley entdeckte Woodstock. Nach und nach kamen die Galerien, Künstler suchten sich hier Ateliers, in der Old Biscuit Mill an der Albert Road, einer alten Keksfabrik, entstand ein Streetfoodmarkt mit lokalem Design und Sterneküche. Heute, mehr als fünf Jahre später, dominieren im ältesten Stadtteil Kapstadts, dessen maßgebliche Besiedlung Mitte des 19. Jahrhunderts als Papendorp begann, zwar immer noch die Textilhändler, Möbelläden und Kfz-Werkstätten. Alle paar Wochen sprießt jedoch ein neuer Third-Wave-Coffeeshop, eine Craft-Beer-Brauerei oder eine neue Modeboutique aus dem Boden. Woodstock ist hip. Offiziell.

Und daran hatte keine geringere Anteil als die amerikanische First Lady Michelle Obama. 2011 besuchte Obama Woodstock und aß im The Kitchen. Dudley treibt die Erinnerung an diesen Tag immer noch Tränen in die Augen: "Dass sie nicht in einem der besten Restaurants der Stadt zum Mittag einkehrte, sondern in mein kleines frauenbetriebenes Deli nach Woodstock kam, war für mich ein Statement!" Der ganze Häuserblock wurde damals abgesperrt, Scharfschützen wurden in den Fenstern auf der anderen Straßenseite postiert. Der Sicherheitsstab sei extrem nervös gewesen, erinnert sich Dudley. "Ich meine, Michelle Obama in dieser unsicheren Gegend? Das war schon gewagt." Dennoch blieb Obama sogar länger als geplant – und bestellte einen Salat mit Falafel. "Ich bin ihr dafür unglaublich dankbar. Natürlich hat das enorm zu unseren Bekanntheit beigetragen, aber auch Woodstock eine Art Gütesiegel verliehen."

Gerade wird ein weiteres Catering für den Transport fertiggemacht. Erste Reservierungen für den kommenden Supper Club in Dudleys benachbartem The Dining Room treffen ein, wo jeden Dienstag und Donnerstag ein Drei-Gänge-Menü angeboten wird. "Als Nächstes werde ich hier einen typisch britischen Nachmittagstee anbieten", sagt Dudley. Keine Seltenheit in der ehemaligen britischen Kronkolonie am Kap. Aber bei The Kitchen wird ein Hauch Dudleyscher Hippieness nicht ausbleiben. Das wird dem Woodstocker Agenturklientel gefallen.

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