© Arne Schmidt/Food with a View

Sonntagsessen Ein Sechs-Quadratmeter-Menü

Eine kleine Küche ist kein Grund, das Kochen aufzugeben. Im Gegenteil: Man wird erfinderisch. Diese asiatischen Speisen kann man auch auf Zehenspitzen zubereiten. Von
Aus der Serie: Sonntagsessen

Aussicht ist überbewertet, das gilt für Küchen noch mehr als für Schlafzimmer. Auf Food with a View beweisen Claudia Hirschberger und Arne Schmidt, dass sechs Quadratmeter kein Grund sind, den Pizzaservice zu rufen. Auch auf wenig Platz kann man Dinkelmandelmilch, Holunderessig und Gewürzmischungen herstellen und nebenbei auf dem Fensterbrett Sprossen ziehen. Seit zehn Jahren sind die beiden ein Paar und seit 2013 auch Kollegen. In dem Jahr gründeten sie ihr Blog, dessen Name auf den Filmklassiker Room with a View zurückgeht. Die Arbeit dafür teilen sie sich: Claudia entwickelt die Rezepte, Arne fotografiert. Gegessen wird gemeinsam.

Obwohl Arne Veganer ist und Claudia Vegetarierin, halten sie ihre Rezepte frei von Ernährungsdogmen. Die tierfreie Version ist oft so konzipiert, dass sie mit Käse oder Butter verfeinert werden kann. Auf Food with a view gibt es eigene Rubriken für Selbstgepflanztes und, weil der Großstadtbewohner im Allgemeinen und der Berliner im Besonderen immer in Bewegung ist, für "Essen auf die Hand". Salamibrötchen sucht man vergeblich. Stattdessen findet man eine "Stulle de luxe" mit Mangochutney, Rauke und Brokkolisprossen und einen Wildkräutersmoothie.

Für unser Sonntagsessen entwickelten die beiden ein veganes asiatisches Street-Food-Menü. Als Gruß aus der Küche kommt japanisches Rohkost-Sushi mit Sprossen und geröstetem Sesam. Statt Reis werden Sprossen, Mango und Avocado in die typischen Nori-Blätter eingewickelt und mit Ingwer und Sojasauce gewürzt. Darauf folgt der chinesische Eintopf Mapo Tofu. Dazu werden Pilze mit Ingwer, Knoblauch, Pfeffer sowie Chilischoten und -paste im Wok angebraten, mit Reiswein und Sojasauce abgeschmeckt und mit Gemüsebrühe, Chiliflocken und Tofu eingekocht. Vor dem Servieren mit gehacktem Knoblauch, Frühlingszwiebeln, schwarzem und weißem Pfeffer und Chili-Bohnen-Paste garnieren.


Der Hauptgang folgt dem Street-Food-Prinzip: Von allem ein bisschen, direkt auf die Hand. Fruit Rojak stammt aus Singapur. Die frittierten Teigstäbchen werden mit Dip und Salat serviert. Ist man nicht gerade vor Ort, lassen sich die ausgefallenen Zutaten auch ersetzen.  Statt Yambohnen schlägt Claudia säuerliche Äpfel vor. Mehl, Hefe, Wasser und Salz verarbeitet sie zu einem Teig. Nach zwei Stunden Ruhezeit formt sie daraus Stäbchen, die wie der Tofu für den Salat aus Ananas, Mango und Gurke frittiert werden. Den Dip aus Schwarze-Bohnen-Paste, Limetten, Zucker und Tamarindenpaste anrühren. Wer Fisch mag, kann statt Schwarze-Bohnen-Paste auch Shrimps-Paste verwenden.

Für ihre fleischlose Variante von Satayspießen mit Erdnusssauce wird grüner oder weißer Spargel geröstet. Währenddessen Erdnusskerne, Kokosmilch, Frühlingszwiebeln und Mango zu einem Dip verrühren. Anschließend die Spargelspieße in Kokosflocken wälzen und mit Koriander anrichten.

Auch das indisch marinierte Grillgemüse mit Sprossen-Relish macht Lust auf die kommende Grillsaison. Zuerst das Gemüse in einer Mischung aus Ingwer, Knoblauch, Chili, Zimt, Kurkuma und Garam Masala marinieren, danach rösten. Dazu passen ein Mango-Radieschen-Chili-Relish und eine Sauce aus eingeweichten Cashewnüssen, Minze und Hafer- oder Dinkelmilch. Statt Sommergemüsesorten wie Paprika, Zucchini und Fenchel kann man auch jungen Lauch und Möhren oder letzte Winterknollen wie Pastinaken und Rote Bete verwenden.

Viele Speisen der indonesischen Küche sind ohnehin vegetarisch. Die gefüllten Dampfklöße Bakpao lassen sich ebenfalls problemlos mit Süßkartoffeln statt mit Schweinefleisch füllen. Aus Weizenmehl, Hefe und etwas Zucker einen Kloßteig herstellen und ihn portionsweise mit angebratenen Erdnusskernen, Süßkartoffeln, Zitronengras und Koriander füllen. Gedämpft werden die Klöße in einem Bambuskörbchen. Dazu reicht man Ketjap Manis und Sambal Oelek. Für das Ketjap Manis lässt Claudia Sojasauce mit Vollrohrzucker und Anis einkochen, für das Sambal Oelek verreibt sie frische mit getrockneten Chilischoten, Salz und Limettensaft im Mörser zu einer Paste.

Der Nachtisch, ein Apfel-Sorbet mit Ingwer und Microgreens, ist alles zugleich: Winter, Frühling und Asien. Bei Microgreens handelt es sich um Keimpflanzen wie Kresse oder Sprossen, in diesem Rezept um Radieschen. Wer diese nicht wie Claudia und Arne selbst züchten will, kauft sie beim Gemüsehändler. Für das Sorbet friert Claudia mit Zitronensaft vermischte Äpfel ein und püriert sie anschließend mit Ahornsirup, Ingwer und Limettenschale zu einer cremigen Masse. Für ein besonderes Aroma gibt sie Radieschensprossen und Vanille hinzu und püriert alles ein zweites Mal. Mit dem Eisportionierer formt sie Kugeln, die sie mit Chicorée, Pfeffer und Salz garniert.

Als Getränk empfehlen die beiden Kokoswasser, am besten wie in Südostasien aus frisch geöffneten Kokosnüssen mit Strohhalm serviert. Weil in Deutschland Kokosnüsse verkaufende Straßenhändler leider nicht zum Stadtbild gehören, greifen Claudia und Arne ersatzweise auf ein Fertigprodukt zurück. Dass Not erfinderisch macht, sind sie als Miniküchenbesitzer ja gewohnt.

Japanisches Rohkost-Sushi mit Sprossen und geröstetem Sesam © Arne Schmidt/Food with a View
Chinesischer Eintopf Mapo Tofu © Arne Schmidt/Food with a View
Fruit Rojak, frittierte Teigstäbchen © Arne Schmidt/Food with a View
Satayspieße mit grünem oder weißem Spargel © Arne Schmidt/Food with a View
Gefüllte Dampfklöße Bakpao © Arne Schmidt/Food with a View
Apfel-Sorbet mit Ingwer und Microgreens © Arne Schmidt/Food with a View
Kokoswasser © Arne Schmidt/Food with a View

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