Gemüsegefühle: Die Bananisierung des Abendlandes

© Andreas Prost für ZEITmagazin ONLINE
Früher war die Banane Superfood für Parteisekretäre, heute wird sie als Einheitsfrucht, Freiheits- und Sexsymbol gefeiert. Doch in ihr schlummert auch eine Gefahr. Von
Aus der Serie: Gemüsegefühle

Ich komme aus dem Osten. Und ich mag Bananen. Früher hätte das für einen Lacher gereicht. Damals, als Zonen-Gaby sich die Minipli legte und eine Gurke schälte und man über so etwas wieherte wie: "Kann man aus einer Banane einen Kompass machen? – Klar, abends die Banane auf die Berliner Mauer legen, da wo am nächsten Tag abgebissen wurde, ist Osten."

Natürlich gab es auch im Osten Bananen, nur nicht so viele. Meist waren sie der Elite vorbehalten wie heute Goji-Beeren und Chia-Samen, Bananen waren das Superfood der Parteisekretäre. An den Witzen, die nach der Wende aufkamen, waren wir Ossis selbst schuld. Wie ausgehungert verschlangen wir, kaum hatten wir über die Grenze geguckt, alle Bananen, die uns Wessis großherzig in die Trabis reichten. Wie im Streichelzoo, in dem den süßen Tierchen angegammelte Karotten hingehalten werden. Otto Schily hatte schon recht. Als er gefragt wurde, warum bei den ersten freien Volkskammerwahlen 1990 die blühende Südfrüchte versprechende CDU 40 Prozent holte, hielt er eine Banane in die Kamera. Freiheit und Demokratie – schön und gut, aber ohne Bananen können wir es auch lassen.

Die Banane ist das politischste Obst der Welt. Als Symbol der Freiheit, als Frucht der Einheit, aber auch Monokulturenerzeuger und Kapitalismussnack der allerschlimmsten Sorte erzählt sie uns mehr über das Leben als eine Birne – obwohl die ja auch ihren Teil zum Mauerfall beigetragen hat – oder, sagen wir: der Sauerampfer. Die Banane ist besungen von Willi Rose, Harry Belafonte und den Minions. Andy Warhol malte sie, es gab sogar einen Bananengraffitikünstler, der Hauswände mit einer Bananenschablone besprühte, ein Bananen-Banksy also. Die Flanke, die Republik, das Boot – Bananen veredeln unseren Wortschatz. "To go bananas" heißt im Englischen so viel wie verrückt werden.

Mittlerweile hat sich der Bananenkonsum des Ostens an den Westen angepasst. Oooch, nicht schon wieder Bananen, heißt es dann oft zwischen Rostock und Zittau. Auch eine Erkenntnis, die der Südfrucht zu verdanken ist: Nur der Mangel lockt, Überfluss langweilt. Doch für den Osten kommt es noch schlimmer: Der Name Banane soll laut mancher Quellen aus dem Arabischen stammen. Banan heißt dort Finger. Das wäre ein Ding, die Bananisierung des Abendlandes. Wenn das in Dresden publik wird. "Ich habe ja nichts gegen Bananen, aber was wird eigentlich aus unseren Sauerkirschen!!!!!!", könnte bald auf Facebook zu lesen sein.

Die Banane ist die Bratwurst unter dem Obst, sättigend, unprätentiös, etwas krumm. Aber über Bratwürste traue ich mich hier in der veganen Goji-Chia-Systempresse nicht zu schreiben. Dabei schmecken Bratwürste viel toller als Bananen. Diese sind nämlich nur wenige Tage genießbar. Zu unreif fühlt die Banane sich an, also würde man in ein Stück Holz beißen. Ist sie zu reif, verbreitet sie eine faulige Süße, die den Würgereflex fördert.

Es muss also einen anderen Grund geben, warum die Banane bei uns so beliebt ist. 100 Stück verzehrt der Durchschnittsdeutsche pro Jahr. Nur zu Äpfeln greift er häufiger. Vielleicht, weil die Verpackung so praktisch ist, dass sie sich kein Designer besser hätte ausdenken können. Zudem passt das Obst ideal in unsere hektische Welt in der alles auf dem Sprung verrichtet wird: Essen, Telefonieren, Lieben. Die Banane ist immer to go, sie ist unkompliziert. Es hat seinen Grund, dass Boris Becker in den Satzpausen unterm Handtuch stets eine Banane geschält hat, statt eine Kiwi zu löffeln oder eine Avocado zu stampfen. Übrigens gibt es zwei Arten, eine Banane zu essen. Einige schälen die Banane komplett und essen dann erst. Andere halten die Banane in der Hand und lassen die Schale in Streifen herunterhängen. Ein Kollege, der öfter in meinem Beisein Bananen isst, macht das so. Es sind die einzigen Momente, in denen ich in ihm, einem charmanten, kultivierten Mann, den Primaten erkenne.

Und machen wir uns nichts vor, die Banane ist natürlich auch ein Phallussymbol. Womöglich erklärt das ihre Beliebtheit. Die Ärzte sangen einst: "Oh yeah, Baby / iss die Banane / Mein Gehirn besteht eh nur aus Sahne / Yeah Baby, iss die Banane / scheiß Romantik hier herrscht nur profane – Wollust in mir." Das ist natürlich schlimm, andererseits muss die Banane im Aufklärungsunterricht schon seit Ewigkeiten als Kondomabrollobst herhalten. An dieser Stelle bitte nicht schon wieder eine Diskussion über Südländer und Sexualität, aber probieren Sie das mal mit einem deutschen Spargel.

Zu manchen Zutaten hat man ein besonderes Verhältnis. In unserer neuen Serie "Gemüsegefühle" geht es um mehr als Geschmack. Hier sammeln wir Liebeserklärungen an alles, was man essen kann.

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren
NosyCornflakes
#2.1  —  22. April 2016, 10:24 Uhr

Die Gefahr, die von ihr ausgeht, ist der ihr immanente Systemumsturz, sollte widererwarten ein Mangel auftreten. Mit anderen Worten, nichts sollte das Establishment mehr fürchten als Nachrichten hierüber. Es gilt besonders behutsam und vorsichtig bei diesem Thema zu sein und an das Verantwortungsgefühl der Mitbürger zu appellieren. Mist, ich bin auf der Maus ausgerutscht:

http://www.spektrum.de/ne...