Gemüsegefühle: Die süßeste Verführerin der Geschichte

© jala/​photocase
Die Feige ist zart, ein wenig schüchtern und dennoch eine veritable Amour fou. Mit ihr kann man den Sündenfall erleben. Aber nicht weinen hinterher. Von
Aus der Serie: Gemüsegefühle

Ich weiß nicht, warum es dermaßen lange dauerte, bis Du mir untergekommen bist und meine Hoffnung auf Abwechslung erfüllt wurde. Nicht, dass mein Leben ohne Dich sinnlos oder gar leer gewesen wäre, aber eben doch nicht so süß und ballaststoffreich wie mit dir. Unser erstes Treffen hatten wir im Hochsommer, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich habe im Restaurant einen Salat bestellt, und dann lagst Du äußerst lässig mit dem anderen Gemüse auf dem Teller und bist einfach in mein Leben geknallt.

Dein eigentliches Temperament hingegen, das sich in Deinem milden Aroma offenbart, ist vollkommen weichherzig. Du bist etwas schüchtern, deshalb lagst du wohl abseits und wurdest verdeckt vom vielen Dunkelgrün. Schwarz-blau schimmerte deine Haut durch die Blättchen des temperamentvollen Ruccola. Und als ich Dich entdeckte, ließest Du mich gewähren. Ja, so war das damals bei unserem ersten Treffen, eine veritable Amour fou.

Zuvor hatte ich Dich nirgends gesehen, vielleicht nur nicht wahrgenommen, aber ab diesem Moment sah ich Dich in so gut wie jeder Auslage und konnte Dich in Fülle genießen. Ich  schnupperte Dein liebliches Aroma, und wann immer ich Dich berührte, wurdest Du stets weich.

Es wundert mich nicht, dass Du als süße Verführerin in die Geschichte eingegangen bist: Du sollst diejenige gewesen sein, die von Adam im Paradies vernascht wurde. Denn die Genesiserzähler konnten den Apfel, von dem immer behauptet wird, Adam habe ihn gepflückt, noch gar nicht kennen. Du bist also in den Sündenfall verwickelt – ich kann es nur allzu gut verstehen. Danach musste Adam seine Scham bedecken, wobei du ihm gerne mit einem Deiner Blätter aushalfst – das war wirklich äußerst generös von Dir. Dass du herzensgut bist, hatte ich ja bereits erwähnt.

Nach ein paar stürmischen Wochen war leider Schluss mit uns; nirgends warst Du mehr zu sehen. Als der Winter Einzug hielt, bist du so überraschend, wie Du kamst, auch wieder aus meinem Leben verschwunden. Das kennt man von Dir. Deshalb schnitzt man auch die abstrahierte Form Deines Fruchtfleisches oder Deiner Blättchen in Form eines Herzens in die hölzernen Türen der Klohäusl.

Nimmt man zwei Deiner Sorte und legt sie mit dem Bauch aneinander, formt Ihr einen abstrakten Kussmund, zwei Lippen, die in der Tat für meine stehen können, die Dich nur allzu gern verspeist haben. Sie formen jetzt jene Abschiedsbotschaft, die Dich hoffentlich erreicht, wo immer Du jetzt gerade bist: Ich wünsche Dir, wahnsinnig geliebt zu werden, Feige!

Zu manchen Zutaten hat man ein besonderes Verhältnis. In unserer neuen Serie "Gemüsegefühle" geht es um mehr als Geschmack. Hier sammeln wir Liebeserklärungen an alles, was man essen kann.

© Silvio Knezevic

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