Grünkohl Der Opa unter den Hipstern

Da kann man Traditionalist sein, wie man will, wahrer Hype schreckt vor nichts zurück. Der Grünkohl hat erlebt, wie es sich anfühlt, ungefragt zum Trend zu werden. Von
Aus der Serie: Gemüsegefühle

Eigentlich will der Grünkohl mit dem ganzen modernen Zeug nichts zu tun haben. Ein paar Falten hat er schon, da hilft auch kein Q10 mehr. Optisch fällt das tiefsatte Häufchen Grün neben dem leuchtenden Violett des Rotkohls ziemlich ab. Häufig sieht er aus wie entsättigter Rahmspinat am Strunk. Geschmacklich aber kann er immer noch mit seinen Konkurrenten mithalten. Einmal im Jahr schaffen sie es zur Kohlolympiade gemeinsam auf den Tisch – bei uns an Weihnachten. Und da zieht der Grünkohl problemlos am Rotkohl vorbei, der hauptsächlich für den empfindlichen Kindermagen als Backup bereitsteht.

Die Zubereitung des Grünkohls lässt sich über Jahre hinweg perfektionieren, meine Eltern sind Profis darin. Ausgetüftelte Arbeitsteilung, einstudierte Choreografie. Erfahrung zahlt sich aus beim Grünkohl. Keiner von beiden darf dem anderen Ratschläge geben oder gar seinen Part übernehmen. Nur wenn beide ihre Stärken souverän ausspielen dürfen, wird der Grünkohl, wie er sein muss: leicht bitter mit einer Konsistenz zwischen faserig und matschig.  

So ist mein Vater für das Verlesen, Säubern, Häckseln und Kochen verantwortlich. Meine Mutter hat die Hoheit über die Würze. Gänse- oder Entenschmalz und Kasslerknochen machen den Kohl zum Gewinner des Abends. Auch wenn er dafür erst einmal bis zur Unkenntlichkeit zerkleinert werden muss. Komme, was wolle, aber: Kein Weihnachtsfest ohne Grünkohl und Entenbraten! So bin ich aufgewachsen.

Doch ehe ich mich versah, wurde der konservative Kohl zum Trendsetter. In den USA hatte Grünkohl 2013 seinen gesellschaftlichen Durchbruch. Szenerestaurants schrieben mit Kreide allerlei Kale-Gerichte auf ihre Speisetafeln. Im Caesar Salad fand man plötzlich dunkelgrüne, derbe Blätter zwischen Serranoschinken und Minze. Beutelweise wurde er für grüne Smoothies in Bloggerküchen geschleppt. Und ordentliches Netflix & Chill kommt nicht ohne Kale-Chips aus. Sogar ein Buch bekam der Grünkohl gewidmet.  

Ja, er ist gesund. Das wussten schon die alten Griechen, die den Kohl erstmals rund 400 vor Christus beschrieben. Sie glaubten an seine heilende Wirkung, vor allem nach allzu heftigen Trinkgelagen. Grünkohl zählt roh zu den Vitamin-C-reichsten Lebensmitteln überhaupt: 100 Gramm Kohl enthalten 120 Milligramm Vitamin C. Außerdem liefert er die Vitamine A und K, Calcium, Magnesium, Eisen, Ballaststoffe, Kalium und Omega-3-Fettsäuren. 

Genau genommen sind meine Eltern jetzt also Hipster. Meine Großeltern auch. Die pflanzten in den sechziger Jahren neben Kartoffeln und Spargel auch Grünkohl auf dem sachsen-anhaltinischen Acker an. Mein Vater wuchs mit der Grünkohlernte auf, ich wurde mit dem Ritual der Zubereitung groß. Und irgendwann wird auch mein Sohn alt genug sein, um die liebevoll klein gehäckselten Kohlblätter grüncool zu finden. Jetzt muss ich das nur noch meinen Eltern erklären.

Zu manchen Zutaten hat man ein besonderes Verhältnis. In unserer neuen Serie "Gemüsegefühle" geht es um mehr als Geschmack. Hier sammeln wir Liebeserklärungen an alles, was man essen kann.

© Silvio Knezevic

Am 22. April dreht sich alles ums Genießen: Jeder, der Spaß am Kochen hat und selbst gemachtes Essen schätzt, kann sich am ZEIT Kochtag beteiligen – mit einem privaten Kochabend oder auf einer Veranstaltung. Weitere Infos unter www.zeit-kochtag.de

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Interessantes Gemüse, hat was unprätentiös-ehrlich-bäuerlich-erdiges. Sozusagen der Gummistiefel unter den Kohlarten. Das ist nicht abwertend gemeint.
Wenn nicht mein Schwiegervater vor vielen Jahren von einem Hamburgbesuch bei seinen Verwandten eine Tüte Grünkohl mitgebracht hätte, dann würde ich ihn heute nicht kennen. Grünkohl ist bei uns in Bayern schlichtweg so gut wie unbekannt. Ich wüsste nicht, wo ich einen kaufen könnte, weder auf dem Markt noch im Discounter, gibts einfach nicht das Zeug.
Um den alten Herrn also glücklich zu machen, kaufen wir Saatgut im web und pflanzen den GK im Gärtchen.
Mit ein paar mitgekochten Scheiben Wammerl ein echter rustikaler Genuss.

Nur für dieses feinfühlige Gezupfe sind wir scheinbar nicht kultiviert genug. Das Holzige weg, der Rest wird unsensibel gehackt und fertig. Rein in den Hafen, Wammerl dazu und gemütlich blubbern lassen.