Kochshows Lafer mich nicht voll

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Ist Dekorationsphysalis eine Krankheit? Warum es manche Menschen lieben, stundenlang Kochshows zu gucken, in denen Essen zubereitet wird, das sie nicht kosten können. Von

Vor der Erfindung von Netflix und YouTube war man sehr einsam mit seinem Wunsch auf eskapistische, visuelle Kochorgien. Es gab kaum Alternativen zur Bräsigkeit des deutschen Fernsehens. Ein Beispiel, das bis heute besteht: Küchenschlacht. In seiner grausigen Idealform mit Johann Lafer

Die Kandidaten haben 35 Minuten Zeit, etwas zu kochen. Was? Egal. "Was kochst du heute?" – "Ein Lammlendchen mit Rosmarinkartoffeln." Axel macht Hühnerfrikassee. Celia kocht Karpfen Blau. Der Höhepunkt ist eine türkische Klößchensuppe. "Ich bin einfach hier, um dich mal kennenzulernen" – "Das ist aber nicht die Traumhochzeit", flachst Lafer. "Na ja, sonst kommt man persönlich nicht an dich ran, aber ich wollte mal gucken, ob ich ein paar Tricks von dir lernen kann", sagt Egbert, der Spaghettini kocht mit Safransauce. "Ooh", presst Lafer hervor. Jochen macht Königsberger Klopse. Lafer würzt in tief gebeugter Haltung ein bisschen nach. 

Auf Langstreckenflügen ist diese Sendung durchaus zu empfehlen, weil man schnell einschläft und Flugzeugessen schätzen lernt. "Klebreis? Ooooohhhhhhh!" Deutsche Kochsendungen verströmen häufig den Muff von verkochtem Kohl, eine leichte Note von Elefantenfurz an Eiche rustikal. Das können auch die Stahlfronten der High-Tech-Küchen nicht verbergen. Es gibt keinen Takt, das Publikum wird ständig gegen seinen Willen eingebunden, zum Beispiel muss es "Mmmhhhhhhmmmmmm" machen, das Höllengeräusch des deutschen Fernsehens. Manchmal scheint es, als schäme sich sogar das Essen dafür.

Trommelwirbel zum Soufflee

Englischsprachige Kochshows hingegen vermögen manchmal, was ein guter Thriller kann: Im besten Falle sitzt man vor dem Bildschirm und brüllt jemanden an. Zum Beispiel den Hobbykoch, der versucht, Gordon Ramsay zu beeindrucken. Doch der Koch hört einen nicht. Wie im Film, wo man dem Opfer auch nicht sagen kann, dass der Mörder bereits hinter ihm steht.

Bei Masterchef USA brennt der Fernseher. Flammen schießen durchs Bild, die herumwieselnden Köche schwitzen sich durch verschiedene Runden, es wird gerufen, geweint, gerannt, sodass selbst der Cutter vor Schreck ganz schnelle Schnitte macht. Natürlich ist es kurz albern, die Zubereitung eines Schokoladensoufflees mit einem Trommelwirbel zu unterlegen. Wer jedoch schon einmal ein wirklich gutes Soufflee gegessen hat, dem erscheint es nicht mehr ganz so absurd. Und wenn man sich auf Masterchef einlässt, ist ein Trommelwirbel bei einer sogenannten Mystery Challenge nun wirklich angemessen! 

Masterchef USA zelebriert den Herd und nicht die Schrankwand. Dafür haben wir in Deutschland Das perfekte Dinner. Gutes, modernes Kochen zu Hause, das ist dem Verständnis von Vox zufolge: eine Suppe, über die ein Holzstäbchen mit einem Stück Fleisch gelegt wird; dann die darüber gesprenkelte Balsamikoreduktion; zum Hauptgang reicht man auf jeden Fall Fleisch und eine Sättigungsbeilage. Und für Sonderlinge gibt es auch Sondersendungen: starke Frauen, Veganer und Kinder. Vom proklamierten Normalfall wird im normalen Programm bitte nicht abgewichen. Das Kochrepertoire ist schmal, man schwört auf das Schichtdessert mit Creme und Dekorationsphysalis. Die ist genauso wichtig wie der fleckenfreie Rand, die Weinauswahl beschränkt sich auf "Was wollt ihr trinken?". Danach wird die Wohnung des Gastgebers auf den Kopf gestellt, das soll das Soziale unterstreichen, nein, vor allem ist es dem Deutschen lieb, wenn er in fremde Kommoden glotzen kann. Kochen? Hauptsache Serviettenring. Das perfekte Dinner als Rückversicherung der eigenen Lebensrealität. Bitte nicht träumen, sonst täte sich ein Abgrund auf. Es ist der Sprecher Daniel Werner und dessen Texter, die den Zuschauer davor retten, allzu tief zu fallen.

Der Deutsche kocht mit dem Zeigefinger

Warum feiern die Deutschen das Essen nicht? In englischsprachigen Shows glänzt die Eitelkeit wie Crème brûlée aus dem Ofen, deutsche Kochsendungen hingegen simmern unter einer hässlichen Milchhaut dahin. Dabei versuchen die deutschen Fernsehköche es ja wirklich. Sie lassen sich Dreitagebärte stehen, tauschen weiße durch schwarze Küchenkleidung, schauen böse in Kameras, sind tätowiert. Leider genügt das nicht. Und vielleicht weiß der deutsche Fernsehkoch das auch. Deswegen sucht er Kompensation in einem erhobenen Zeigefinger. Den kleinen Wirten zeigt er, wie man eine ordentliche Kartoffelsuppe kocht, eine Gaststätte dekoriert und das Tresenpersonal nicht zum Weinen bringt (Die Kochprofis). Dann tätschelt er allen anerkennend die Schultern und zerbricht sich den Kopf über Geschäftsmodelle (Rosins Restaurants). Nachts läuft er im Nieselregen durch Vororte, um ein Gefühl für die Gegend zu bekommen (Rach Sucht). Oder er erklärt seinen Schäfchen in einem schlecht ausgeleuchteten Studio, warum Kuchen eine Sünde ist, die man sich aber ab und zu mal gönnen darf (Volle Kanne).

Gordon Ramsay ist Sünde egal, dem geht es um texture und heart und components. Er ist das Messer aller Messer. Ein Choleriker. Er wirft den Fisch an die Wand, wenn der nicht so will wie er, und den Kandidaten hinterher. Bis zu einem bestimmten Punkt ist das unterhaltsam, nach dreißig Sekunden Wutanfall möchte man sich jedoch im Blätterteig verkriechen. Die deutschen Kochshows sind weder messerscharf noch besonders emotional. Es wird nicht geworfen, nur herumgestanden. Aber es besteht Hoffnung. 

Mit The Taste und Game of Chefs haben sich Sat.1 und Vox an neue, zugegebenermaßen aus den USA und Israel importierte Formate gewagt. Die Sender glauben zwar immer noch, durch futuristische Bühnendekoration von der eigenen Schnarchigkeit ablenken zu können, doch wenigstens haben sie mal etwas probiert. Kleine Portiönchen werden auf Löffeln arrangiert und einer Jury vorgesetzt. Die Juroren sind gut angezogen, auch das hat man sich endlich abgeschaut, aber die Hintergrundgespräche auf Ledersofas sind leider trotzdem nicht besser: "Wenn sie Glück haben, kommt ein Tablett. Wenn sie Pech haben, kommt kein Tablett." So ist das. Bei Game of Chefs wählen sich verschiedene Köche ihre Kandidaten zu Teams zusammen und müssen diese dann zum Sieg führen. Selbst eingreifen dürfen sie nicht, nur verbal unterstützen. Und durch diesen eingebauten Zwang zur Kommunikation wird es spannend. Das ist es, was viele englischsprachige Kochshows vormachen. Und wenn sie das gut können, klingt es hier und da wie Poesie. 

Das Publikum muss nur glauben

In Shows wie Masterchef oder Chopped verlässt sich der Zuschauer ganz auf Sprache, Augen und Ohr, er liebt das Geheimnis. Ja, man möchte gar nicht kosten, das würde alles kaputtmachen. Man möchte nicht selbst kochen oder gar über die Gerichte richten. Mit Realität hat das nichts zu tun und genau darum geht es. Natürlich misslingen Dinge, natürlich versalzen Kandidaten ihre Gerichte, ein Parfait wird nicht schnell genug fest, die Suppe ist eher ein Brei oder die Sauce zu flüssig. Das sind nur Randerscheinungen einer Dramaturgie, der Beweis, dass man es mit Menschen zu tun hat, das genügt. Sie schwitzen für uns, sie denken für uns, sie kochen für uns – und sie essen für uns, das aber selten.

Im Gegensatz zum neuen Trend, jungen Mädchen im Internet beim Verschlingen von Speisemassen zuzuschauen, wird in Kochshows nur probiert. Wir möchten nicht sehen, wie ein Juror ein Steak zerlegt, weil er Hunger hat. Es interessiert uns nicht, in wie viele Teile eine Kartoffel zergabelt wird, die keine Sauce mehr abbekommen hat. Was übrig bleibt, verschwindet leise. 

Denn gute Kochshows zelebrieren das Beinahe. Perfektion wird nicht erreicht, weil sie dem Zuschauer nicht bewiesen werden kann. Der Zuschauer muss glauben, sonst funktioniert es nicht. Glauben, dass die Bedingungen auf einer einsamen US-amerikanischen Ranch in der brütenden Hitze wirklich nicht die besten sind für Hobbyköche, um in einer Stunde ein Menü für 100 Cowboys zuzubereiten. Hinnehmen, dass Gordon Ramsay gerade einen Grund zum Ausrasten hat. Wir müssen glauben, dass die Platten heiß und die Entscheidungen der Juroren richtig sind. Wir geben nicht nur die Mühe ab, sondern auch die Verantwortung. Für Angebranntes, Zerkochtes, Versalzenes, Fades. Und essen dabei ein Käsebrot mit Schnittlauch. Das beste Käsebrot der Welt.

© Silvio Knezevic

Am 22. April dreht sich alles ums Genießen: Jeder, der Spaß am Kochen hat und selbst gemachtes Essen schätzt, kann sich am ZEIT Kochtag beteiligen – mit einem privaten Kochabend oder auf einer Veranstaltung. Weitere Infos unter www.zeit-kochtag.de

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Die deutschen Haushalte geben in Europa angeblich das meiste Geld für Küchen aus und das wenigste für Essen. Kann mir vorstellen, dass da was dran ist. Billigfood vom Discounter in der 50.000 Euro teuren Bulthaup Küche zubereiten hat aber auch was.
Zu Lafer, Lichter und Konsorten fällt mir nichts ein. Außer vielleicht, dass Kochshows relativ billig zu produzieren sind und man damit günstigen Content für die Zeit und Zielgruppe zwischen 12 und 20 Uhr bekommt. Also, Mahlzeit.