Karotte Männer, die auf Möhren starren

© colombo/Photocase
Die Moderne lehrte uns: Auch Männer haben Gefühle. Manche führen sogar eine langjährige Beziehung mit einer Karotte. Über eine orangefarbene Liebe. Von
Aus der Serie: Gemüsegefühle

Alles begann an einer Autobahnraststätte, an einem dieser Plexiglas-Kästen voller Plüschtiere, auf Jahrmärkten stehen sie auch oft. Damals steckte man noch eine D-Mark hinein, um über einen Joystick den Greifer zu steuern, so lang, bis die Zeit abläuft und der Roboterarm blind nach unten greift. So kam meine Möhre zu mir. Meine besten Kumpels standen daneben zwischen Tankstelle, Motel, Spielautomaten und McDonald's. Ringsum schauten LKW-Fahrer zu. Alle staunten. Es war Schicksal.

19 war ich damals, hatte gerade mit dem ersten Studium angefangen. Eine gute Zeit, um sich zu verlieben.

Dass es dann zu einer besonderen Beziehung zwischen dieser Plüschmöhre und mir kam, lag vor allem an meiner damaligen Freundin. Sie hieß Dörte, und auch das war nichts, was mich an ihr störte. Sie war klug, elegant und einige Jahre älter als ich.

Ich mochte es, Dörte anzuschauen. Und da es gerade die Zeit der ersten Digitalkameras war und ich viel überschüssige Energie in experimentelle Fotografie investierte, hatte ich den Wunsch, meine Freundin an unterschiedlichen Orten zu fotografieren. Nur Dörte wollte das nicht.

Auf Unverständnis folgte Streit, dann Wut, dann Trotz, dann meine Möhre. Statt Dörte fotografierte ich fortan nur noch mein Lieblingsgemüse. Sie fand es albern, ich hielt es für Kunst: Möhre in Armeestiefeln, Möhre im Maul eines Rindes, Möhre am australischen Bondi Beach. Möhre zwischen Eisenbahnschienen, Großeltern, Grillwürsten, auf einem Altar in der Hagia Sophia. Möhre auf Inseln, Leuchttürmen, Mönchen, Riesenschildkröten und Sandburgen. Möhre in Stacheldraht gewickelt, unterm Traktorrad, im Trompetenrohr.

Meine Möhre in Vietnam © Steffen Dobbert

Gemeinsam tobten wir auf Vernissagen und bei der Fußball-WM, reisten nach Paris, Istanbul, Helsinki, Marseille, Stockholm, Sydney, Hanoi, Brisbane, Singapur, Saigon, München, Harare, Beira, Windhoek, Hamburg und zum Weihnachtsmann. Dörte war das irgendwann zu viel. Meine Möhre verließ mich nie.

8.459 Fotos entstanden in zwölf Jahren. Von 2005 bis 2010 produzierte ich Best-of-Möhrenfoto-Kalender mit passenden Sprüchen. Jedes Jahr im Dezember gab es eine Möhrenkalender-Release-Party mit Knabberkarotten, Möhrensuppe, Möhrenmusik. Kann sein, dass mich einige meiner Freunde, die den Kalender sogar kauften, für verrückt hielten.

Für diesen Text habe ich die alten Kalender noch einmal durchgeblättert. Auf einem Foto liegt meine Möhre im Arm meiner einjährigen Tochter, beide lachen. "Die Welt ist voller Möhren!" steht unter einem anderen Bild.

Die Karotte ist für die meisten einfach ein Gemüse, eine gesunde Beilage. Meine Möhre ist viel mehr. Danke, Dörte.

 

Zu manchen Zutaten hat man ein besonderes Verhältnis. In unserer neuen Serie "Gemüsegefühle" geht es um mehr als Geschmack. Hier sammeln wir Liebeserklärungen an alles, was man essen kann.

© Silvio Knezevic

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