Gemüsegefühle Der DJ auf der Zunge

Das ist wirklich junges Gemüse: Die Zuckerschote ist die jugendliche Variante der vulgären Erbse, und verzaubert als distinguiertes Gemüse den Gaumen nicht nur mit Musik. Von
Aus der Serie: Gemüsegefühle

Wer Gemüse isst, steht gemeinhin nicht unter dem Verdacht der Dekadenz. Das Karnivorendasein wider besseren Wissens hingegen schon, denn in einem Kilo Fleisch steckt ein Vielfaches an Pflanzenmaterial. Das ist verwertungstechnisch suboptimal und ethisch sowieso. Kurz: eine Anmaßung.

Vergessen wird dabei oft, dass es auch dekadentes Gemüse gibt. Die halbwüchsige Zuckerschote ist so eines, denn sie wird, sonst wäre sie keine, unreif verspeist. Man isst sie also, bevor sich ihr zuckriger Überdruss in pragmatisch langkettige Kohlenhydrate verwandelt und damit maximal nahrhaft ist. Und satt und träge macht. Ihr Genuss ist eine kaum zu rechtfertigende Verschwendung, ganz richtig, aber wenigstens eine süße. Wenn man so will, ist sie das Milchlamm unter den Gemüsen.

Das Grün der Zuckerschote leuchtet. Und ein gutes Exemplar ist so fest, dass es quietscht, wenn die Zähne sie zermahlen: wicke wick wiuuu. Als säße ein winziger DJ auf einem Prämolar in der unteren Zahnreihe. Die Zuckerschote ist derart geballt gesundheitsfördernd, dass man nach ihrem Genuss gleich eine halbe Schachtel Zigaretten hinterherrauchen möchte, um nicht all seine Freunde um Jahresbreite zu überleben. 

Schon Louis XIV, der alte Sonnenkönig, zog die jugendliche Variante den vulgären Erbsen vor, die eine ausgereifte Schote gebiert. Erbsen sind mehlig und rollen immerfort von der Gabel. Die soll sich doch der Plebs in Eintopfform in den Rachen löffeln. Die Mangetout blieb dem Adel vorbehalten, und kann, wie ihr französischer Name schon sagt, in Gänze verzehrt werden. Bis auf die Stielenden natürlich, die das Küchenpersonal vor dem Anrichten mit fiebriger Sorgfalt entfernte.

Wer denkt, man könnte heute von Gleichheit unter den Gemüsesorten reden, irrt. Von wegen klassenloses Gemüse. Die Zuckerschote ist ein distinguiertes Gewächs, ein regionales noch dazu, im Juni und Juli wird sie auf deutschen Feldern geerntet. Am besten schmecken Zuckerschoten, kurz in Butter gedünstet, übrigens als Beilage zu einem saftigen Lammsteak und Frühkartoffeln. Kalb geht auch.


Zu manchen Zutaten hat man ein besonderes Verhältnis. In unserer neuen Serie "Gemüsegefühle" geht es um mehr als Geschmack. Hier sammeln wir Liebeserklärungen an alles, was man essen kann.

© Silvio Knezevic

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Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Der Artikel könnte den Eindruck erwecken: Die Zuckerschote ist keine zu früh geerntete Erbse, der man die Möglichkeit geraubt hat, rund und prall zu werden, sondern eine eigene Erbsensorte.
https://de.wikipedia.org/...
Inzwischen bekommt man sie ja recht bequem das ganze Jahr über. Was ein Glück. Sonst wäre ein Artikel im April für ein saisonales Produkt im Juni/Juli auch irgendwie blöd.
Eines der für mich schönsten Rezepte mit Zuckerschoten ist eine Mischung mit gebratenen Süsskartoffeln und Wildreis in Balsamico-Vinaigrette als besonderer Kartoffelsalat. Die Mischung klingt nicht so spektakulär, wie sie schmeckt. Dieser Salat ist der Knaller als vegetarischer Betandteil auf einem Buffet, gerade wenn man mal etwas anderes als die 08/15 Kartoffelsalate sucht http://goccus.com/rezept.... Der Salat lebt von unterschiedlichen Aromen, die sich toll ergänzen und vor allem von interessanten Texturen. Da gehört die Quietschschote genauso dazu wie die weiche Süßkartoffel und kerniger Wildreis und knackige Mandelstifte.

Zuckerschoten sind wirklich ein wundervolles Gemüse, aber nicht, wenn sie zwischen den Zähnen quietschen. Dann hat man sie nämlich falsch gekocht. Leider sind sie von deutschen Bauern auch kaum zu bekommen sondern stammen meist aus Kenia oder Guatemala. Unsere westlichen Nachbarn behalten ihre Ernte lieber für sich selbst. Leider ist es nach wie vor extrem schwierig hier extrafeine junge Gemüse zu finden, wie z. B. junge Karotten oder haricot vert. Wenn überhaupt, stammen sie meistens aus Dritte-Welt-Ländern. Sehr schade.