Ikea Wurst ist kein Gemüse

© Ikea/Screenshot/Instagram
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Vielleicht muss man die Systemgastronomie von Möbelmärkten im Zusammenhang mit ihrem Einrichtungssortiment sehen: Wo man sich selbst mit Inventar versorgen soll, da findet man keine Hummermenüs und Leinentischdecken, sondern Gulaschkanonen und Zapfsäulen mit Erfrischungsgetränken. Der Konzern Ikea transportiert die Machs-doch-selber-Philosophie besonders stimmig in seine Restaurants: Die Kunden arbeiten sich die Vitrinen entlang, denen sie die Zutaten für den Lunch entnehmen. Das entspricht der Mentalität solcher Mitnahmehäuser, denn sie schicken einen ja auch auf Schnitzeljagd in turmhohen Lagerhallen. Wer sein Regal eigenhändig zusammenschraubt, betrachtet die Zusammenstellung des Salats ebenfalls wie ein Projekt, das es zu bewältigen gilt.

Deshalb bringt nun auch Ikea nicht einfach nur einen Veggie-Hotdog auf den Markt. Man experimentiert mit einem vegetarischen, eigentlich aber vegan gemeinten Prototypen im Konzernmutterland Schweden, zu dem Ikea Food Services auf Instagram mitteilt: "Wir können noch nicht sicher sagen, ob alle Zusätze 100 Prozent vegan sind." Das ist für Veganer natürlich genauso beruhigend wie die Beteuerungen von Automobilherstellern, die Abgaswerte der Fahrzeuge im Griff zu haben. Aber Ikea befindet sich ja noch in der Experimentierphase. Und Menschenversuche sind auch zugelassen. Sie haben vor wenigen Tagen begonnen, bislang in nur einer Filiale in Malmö. Fotos zeigen ein wurstförmiges Etwas, grün-gelb gefleckt, ins übliche Brötchen gebettet, mit Röstzwiebeln berieselt. Die lila schillernden Rotkohlschnipsel obendrauf bilden einen dramatischen Kontrast.

Besonders verlockend sieht das trotz der verwendeten Farbfilter nicht aus. Eher wie etwas, wozu der Cartoonzeichner Gary Larson Tieren, die ihr gefundenes Fressen betrachten, einmal diesen schönen Satz in die Sprechblase gelegt hat: "Puh … aber wir können ja immer noch Ketchup drauf tun." Doch es geht eben nicht nur um die Wurst, sondern darum, warum Ikea das gemacht hat. Denn darin spiegelt sich auch ein Kundenwunsch wider – seit 2015 gibt es schließlich schon die vegetarische Variante der Fleischklopse Köttbullar.

Doch letztendlich manifestiert sich im veganen Hotdog die Leidenschaft von Ikea, Dinge zu zerlegen: Möbel in ihre Einzelteile, klar, wissen wir. Aber auch viele Zutaten werden, noch viel tiefer gehend, in Schnipsel zerkleinert. Der am häufigsten verwendete Werkstoff des Konzerns ist die Spanplatte. Gepresst und geleimt aus Holzspänen, sind daraus Millionen Betten und Bücherregale, Küchen und Konsolen entstanden.

Auf diesem ressourcenschonenden Prinzip basiert also auch die Philosophie der Ikea-Restaurants, die vor allem sehr viele Bällchen aus Hackfleischmasse anbieten: Von Köttbullar werden weltweit pro Jahr eine Milliarde Exemplare verkauft. Im Veggie-Hotdog wird diese Verkleinerungsform – anders bei der homogenen Variante für Karnivoren –  geradezu revolutionär sichtbar gemacht. Und damit ist er letztendlich irgendwie doch ehrlich: Dank der getrennten grünen und gelblichen Bestandteile blickt man ahnungsvoll in ihn hinein. So, wie man dem Billy-Regalbrett an der ungetarnten Rückseite ins grobspänige Innenleben gucken kann. 

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