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Spargel Koste er, was er wolle

Heimischer Spargel ist ein Statussymbol, für ihn besinnen sich die Menschen auf regionale Lebensmittel. Doch er kann noch mehr: Er hat den Geiz der Deutschen gebrochen. Von

Die nächsten zwei Monate leben wir wieder unter dem Spargeldiktat. Im Supermarkt stehen Türme aus Hollandaise-Tetrapaks. Jeder Weißwein ist Spargelwein, jede Essenseinladung ein Spargelessen und im Restaurant sind Spargelwochen. Beim Metzger kann man keinen Schinken kaufen ohne den Hinweis "Passt hervorragend zu Spargel". Nicht mal das Schnitzel darf noch ganz Schnitzel sein. Für die kommenden Wochen ist es zur Spargelbeilage degradiert. Immerhin, man hat sich jetzt wieder etwas zu sagen. Die Münchner schwärmen vom Schrobenhausener Spargel, die Berliner vom Beelitzer. Das Schöne am Spargel ist ja, dass jede Region im Land ihren eigenen "besten Spargel" hat. Gekocht oder gedünstet? Gebraten oder vom Grill? Braucht man wirklich einen extra Schäler? (Nein.) Oder einen besonderen Topf? (Auf keinen Fall.) "Bei mir kostet das Kilo 15 Euro." – "Bei mir bloß noch zwölf." Fehlt nur, dass Markteintrittspreis und Kursverlauf demnächst in den Börsennachrichten verkündet werden.

Über das Gehabe um den Spargel kann man streiten, sich lustig machen sowieso. Zugutehalten muss man ihm, dass er es schafft, dass sich die Menschen wenigstens für ein paar Wochen im Jahr auf saisonales und regional angebautes Gemüse besinnen. Sein großer Verdienst aber ist ein anderer: Spargel hat den Geiz der Deutschen gebrochen – wenigstens beim Lebensmittelkauf.

Das Hashtag #anspargeln hat sich als Pendant zum Angrillen etabliert. Essen, etwa in Form von Superfoods, ist heute oft Statussymbol.

Die Deutschen geben weniger Geld für Essen und Trinken aus als die meisten anderen Europäer. Im Durchschnitt macht der Lebensmitteleinkauf hierzulande nur zehn Prozent der Konsumausgaben aus, so steht es im Statistischen Jahrbuch 2017. Bei den Franzosen ist es ein Drittel mehr, Italiener geben 43 Prozent mehr aus. In Rumänien nimmt der Lebensmittelkauf sogar ein Drittel der Ausgaben ein. Im Discounterland Deutschland dagegen ist es normal, dass auch Besserverdiener bei Aldi gut ein Kilo Hähnchenschenkel für 1,99 Euro kaufen oder ein Kilo Hackfleisch für 3,99 Euro. Gerade beim Fleisch wird lieber billig und dafür mehr gekauft. Nur beim Spargel ist Geiz nicht geil.

Spargel – aus Deutschland und je früher in der Saison, desto besser – ist zum Statussymbol geworden, für das man dann eben mehr bezahlt. Nicht nur, weil der frühe besser schmeckt, wie die ersten heimischen Erdbeeren im Frühsommer – sondern weil man so lange darauf verzichtet hat. Und auch, um die Standardfrage ab Mitte März – "Hast du schon Spargel gegessen?" – bejahen zu können oder als Erster in der Saison ein Spargelfoto auf Instagram zu posten, Hashtag: #anspargeln. Der Begriff hat sich als Pendant zum Angrillen etabliert. Essen, etwa in Form von Superfoods, ist heute oft Statussymbol – und Spargel ein generationenübergreifendes.

Überall Spargelköniginnen

Laut des aktuellen Berichts der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) sind in der vergangenen Woche im Lebensmitteleinzelhandel Kilopreise für deutschen Spargel bis zu 19,90 Euro ausgerufen worden. Hans-Dieter Stallknecht, Fachreferent für Obst- und Gemüsebau beim Deutschen Bauernverband, relativiert das zwar: "Am Anfang der Saison gibt es zunächst nur wenig Spargel", sagt er. "Dieser geht zu einem großen Teil in die Gastronomie." Doch auch insgesamt werden stattliche Kilopreise bezahlt, die über die Jahre stets leicht gestiegen seien, sagt Michael Koch, der sich bei der AMI schwerpunktmäßig mit Spargel beschäftigt. 2017 gab man in privaten Haushalten durchschnittlich 6,60 Euro je Kilo aus.

Spargelanbau und -ernte bedeuten viel Handarbeit, die Ernte ist auf Frühling und Frühsommer begrenzt, und die Erntehelfer bekommen seit diesem Jahr endlich Mindestlohn. Das kostet alles und soll unbedingt gewürdigt werden, doch nur beim Spargel akzeptieren die Deutschen, dass sie das auch bezahlen müssen. "Die Kunden sind bereit, für deutschen Spargel mehr Geld auszugeben", sagt Michael Koch. "Importspargel – im Winter aus Peru, im Frühjahr, bevor die Saison in Deutschland beginnt, aus Griechenland – erzielt nie solche Durchschnittspreise. Dabei müsste der Importspargel teurer sein, schon allein wegen der Transportkosten."

In Deutschland sind erste Anbaugebiete schon im 17. Jahrhundert dokumentiert. Lange war das Gemüse der Oberschicht vorbehalten. Von 1810 ist überliefert, dass Erzherzog Karl im unterfränkischen Volkach am ersten Maisonntag vor dem Volk Spargel mit Buttersoße aß. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird Spargel in größerem Stil angebaut und ist nicht mehr nur dem Adel und anderen Privilegierten vorbehalten, aber er bleibt etwas Besonderes.

Lange Zeit kam das Gemüse nicht frisch auf den Tisch, sondern vor allem aus der Dose. Hans-Dieter Stallknecht vom Bauernverband erinnert sich, dass frischer Spargel sich erst in den Neunzigern langsam durchgesetzt hat. Seitdem sind die Anbauflächen in Deutschland kontinuierlich gewachsen, besonders stark in der ersten Hälfte der Nullerjahre. 1997 wurde laut AMI in Deutschland auf 13.400 Hektar Spargel angebaut, 2017 war die Anbaufläche mit 28.400 Hektar mehr als doppelt so groß. Auf beinahe einem Fünftel der gesamten Freilandgemüsefläche in Deutschland wird Spargel angebaut, damit ist er das meistangebaute Freilandgemüse. 1997 kam von 80.000 Tonnen verkauftem Spargel die Hälfte aus Importen. Anfang der Nullerjahre nahm der Anteil von deutschem Spargel deutlich zu. Heute sind etwa 84 Prozent aus heimischer Produktion. Dass immer weniger Spargel importiert wird, lässt die Durchschnittskilopreise weiter steigen.

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