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Anthony Bourdain Der Punkrocker unter den Gourmets

Anthony Bourdain war leidenschaftlicher Weltbürger, stets Gast, nie Tourist. Er stand für liberale Werte, die im Trump-Amerika schmerzlich vermisst werden. Ein Nachruf Von

Mit dem Celebrity-Koch und Fernsehmoderator Anthony Bourdain ist am Freitagmorgen der Gegenentwurf zu Trumps Amerika gestorben: neugierig, differenziert, weltoffen. Obwohl ruppig und nie feingeistig, war er immer und aufrichtig respektvoll: ein feministischer Macho, ein durch und durch amerikanischer Weltbürger. Ob er sich nun in Berlin von Gregor Gysi einnehmen ließ, im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais das traditionelle Bohnengericht Feijão tropeiro probierte, in Island zugab, fermentierten Hákarl nicht ausstehen zu können oder in Köln nach dem perfekten Himmel un Ääd suchte: Bourdain war davon überzeugt, dass allein lokale Essgewohnheiten den Menschen engstirnig werden lassen. Dass, wenn man die Leute dazu bringen könnte, "mal ein Bäckchen oder ein Spitzbein" zu versuchen, Nationalismus und Ausgrenzung keine Chance hätten.

Berühmt wurde Bourdain für seine schnodderigen Insiderberichte aus der amerikanischen Restaurantszene: mit den Büchern Kitchen Confidential und später Medium Raw. Aber zur Ikone wurde er dank seiner Fernsehsendungen, A Cook's Tour, No Reservationsund Parts Unknown. Hier zeigte er, wie Essen erst Gemeinschaft entstehen lässt. Er verließ die eigene Küche, in der er jahrelang als Koch gearbeitet hatte, und lungerte in denen anderer herum, witzelte, hakte nach, debattierte, philosophierte. In jeder Episode nahm er sich einer neuen Region an. Mal ging es ihm um die Küche Madagaskars, ein anderes Mal nahm er die U-Bahn in die Bronx und fraß und frotzelte sich durch den New Yorker Stadtteil.

Dabei war Bourdain immer Gast, nie Tourist. Er war beseelt von einer Neugier, die Kultur niemals vereinnahmen noch als exotisch abtun wollte. Ob er in Manila seine Liebe zur Fast-Food-Kette Jollibee entdeckte, in Chengdu einem Drei-Sterne-Koch die Perfektion von chinesischen Dandan-Nudeln nahebrachte oder in Marseille mit jungen Köchinnen über ihre Erfahrungen im männerdominierten Gewerbe debattierte: Bourdain wusste es nie besser, er nahm nie eine Eroberer- oder Gönnerpose ein. Ihm war bewusst, die eigentlichen Experten waren die, die schwitzend hinterm Herd standen: die Omas, die die alten Traditionen hochhielten, die genialen Tüftler, die Altbekanntes umwarfen. Sein Feindbild war nie Fast Food oder Ungesundes, Simples oder Überkomplexes. Es war der faule, genusslose Konsum, den er nicht ausstehen konnte: einen Kwanzaa-Kuchen, den die Frau des heutigen Gouverneurs des Staates New York in ihrer Kochsendung aus der Tüte zubereitete, nannte er ein kulinarisches Kriegsverbrechen.

I took a walk through this beautiful world, heißt es in dem Lied, das im Vorspann von Parts Unknown läuft. Bourdain sagte, ihm habe der Song gefallen, weil er "Optimismus mit einer gewissen Dunkelheit" verbinde. Auch diese Dunkelheit gehörte zu Bourdains Mythos. Eine Folge von Parts Unknown begann an der Ecke, an der er mit 20 Jahren sein erstes Tütchen Heroin gekauft hatte. Danach bereiste er das westliche Massachusetts, eines der Epizentren der amerikanischen Drogenkrise, sprach mit Junkies und erzählte ihnen von seinen eigenen Suchterfahrungen. Zwischendurch besuchte er die Diner, die in den im Niedergang befindlichen factory towns die alten Kochtraditionen bewahren. Suchthaft, manisch war auch Bourdains Reisefreude. Und hatte doch Vorbildfunktion.

Von Berühmtheiten eine Antwort auf die Frage zu erwarten, wie man sein Leben zu gestalten habe, wirkt antiquiert. Aber Bourdains Tod trifft auch deshalb viele Amerikaner und Fans in aller Welt so hart, weil man ihm so unmittelbar beim Leben zusehen durfte und er es so verdammt gut machte. Dabei war er keine Lichtgestalt, die erwähnte Dunkelheit, eine immanente Schwermut, schwang immer mit. Aber er nahm sie mit in die Welt, ließ sich gerade durch diese Dunkelheit zu neuen Erfahrungen und neuen Freundschaften antreiben. Bourdain wusste: In einer globalisierten Welt ist Essen alles andere als Nebensache. Als New Yorker begriff er, dass im Durcheinander der Kulturen die jeweilige Küche und der Geschmack zwar keine Einheit stiftet, aber zumindest eine Kommunikationsbasis bietet.

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