Ernährung Kochen ist doch bloß Kopfsache

Küchendienst sieht toll aus auf Netflix und Instagram, es wird gerührt, püriert und fermentiert. Alle reden übers Essen, nur gekocht wird dabei immer seltener. Von

Zu jeder Tageszeit werden im Fernsehen Eier pochiert und Risottos gerührt. Fernsehköche philosophieren über Chili, Ingwer und unzählige Basilikumvariationen. Sogar auf Netflix wird gerührt, gebraten und fermentiert. Instagram und Facebook sind voll von Essensbildern mit dem Hashtag #selbstgekocht. Unzählige Kochbuch-Neuerscheinungen und Magazin-Cover im Zeitschriftenregal vermitteln den Eindruck, als wären wir alle nur noch Selbstversorger, die Marmelade einkochen, Brot backen und Fisch räuchern.

Selbstgekochtes hat einen hohen Stellenwert in Deutschland. Theoretisch.

Tatsächlich wird immer weniger gekocht. Nach der aktuellen Studie Consumers' Choice '17 der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) wird inzwischen nicht einmal mehr in jedem vierten Haushalt in Deutschland täglich frisch gekocht. Tendenz abnehmend: Vier Jahre zuvor bekannten sich immerhin noch 29 Prozent der Befragten zum täglichen Einsatz am Herd.

Immer mehr Menschen kaufen Fertigprodukte, die sie höchstens aufwärmen oder aufbacken müssen. Die Convenience-Revolution begann bereits in den Sechzigern. Damals war Essen aus der Dose oder aus dem Gefrierschrank innovativ. 1963 kamen in Deutschland Fischstäbchen auf den Markt, 1968 die Tiefkühlpizza, dazwischen Ravioli aus der Dose. Im Laufe der Sechzigerjahre wurden Fertigprodukte immer beliebter, sie galten als modern, als Befreiung der Frau vom Herd. In den Siebzigern trieb der Siegeszug der Mikrowelle diese Entwicklung weiter voran. "Der alte Herd sorgt für die Zucht der Frau, Mikrowellen entlassen sie in die Freiheit von Zeit und Raum", zitiert Sigrid Amann in ihrem Buch Gesunde Ernährung: Zwischen Kohlenhydrat-Falle und Low Fat-Diskussion aus einem Mikrowellenkochbuch von 1973.

Damals hatte die Frau keine Wahl – wer heute kocht, tut das zum Glück freiwillig. Auch weil man unterwegs essen, online bis an die Haustür bestellen oder eben Convenience-Produkte kaufen kann, aus Zeitmangel, Bequemlichkeit oder weil man nicht kochen kann oder will. Der BVE zufolge hat sich der Umsatz mit Fertiggerichten von 2010 bis 2017 fast verdreifacht. Jedes Jahr kommen 40 .000 neue Produkte auf den Markt, obwohl Tiefkühlpizzen und Konservennudeln heute zunehmend gesünderen oder wenigstens leichteren Fertigprodukten, wie Quinoa-Salat, Gemüse-Currys und Suppen, Platz machen.

Rezepte sind die Geschichten von vorgetäuschten Mahlzeiten. Lassen Sie sich nicht davon in die Irre führen, dass sie im Imperativ geschrieben sind.
Bee Wilson

Gleichzeitig will heute jeder Foodie sein. Man möchte nicht nur sein, was man isst, sondern auch, was man kocht. Es ist paradox: Je weniger wirklich gekocht wird, desto mehr beschäftigt man sich damit – in Gedanken, mit Ersatzhandlungen wie Kochbüchern und -sendungen. Die Kulturhistorikerin Bee Wilson schrieb bereits 2013 im New Yorker, dass Rezepte "Geschichten von vorgetäuschten Mahlzeiten" seien und man im Geist Gerichte zubereite.

Kochen ist mehr als das Zubereiten von Mahlzeiten, sondern auch eine Geste der Zuneigung für die Bekochten, ein sozialer Akt, und Wertschätzung für die verarbeiteten Lebensmittel. Eine Arbeit mit den Händen, bei der man gleich ein Ergebnis sieht und es vor allem schmeckt. Vielleicht sehnt man sich nach genau diesem bedächtigen Vorgang und hat nur Zeit für das schnelle Resultat. Und für das Kochen in der Theorie: um Kochbücher zu lesen (gut, um die Bilder anzusehen), oder um auf Facebook und Instagram durch Essensbilder und Zeitraffer-Rezeptvideos zu wischen.

Während das Kochen selbst aus dem Alltag verschwindet, entstehen neue Kochtypen. Wochenendköche, die selten – dann aber sehr aufwändig – kochen und das auf allen Kanälen inszenieren. Theoretikerinnen, die jederzeit aus dem Stand einen Vortrag über Dry-aged-Beef halten, ohne selbst jemals ein Steak zu braten.

Kommentare

51 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Natürlich darf´s auch mal was aus der Truhe sein. Besonders dann, wenn es die übrige Portion aus eigener Produktion ist.
Es geht nichts über meditatives Kochen. Mit der nötigen Zeit, Hingabe und Gefühl für die Zutaten.
Schön ist auch das Kochen mit Wein, ein wenig darf dabei an´s Essen gegeben werden.
Am schönsten kocht es sich mit weiblichem Pendant.