© L.A. Poke

Poke Bowls Eine Schüssel Urlaub

Kalifornisches Gesundheitsbewusstsein, hawaiianische Gelassenheit, japanische Kochkunst: Für Poke Bowls werden Fisch, Reis und Salat kombiniert – am besten Freestyle. Von

Kalifornien, Hawaii, Japan: Manche Gerichte klingen wie ein ganzer Urlaubskatalog. Sie trösten nicht nur die, die zu Hause bleiben müssen, sondern treffen auch den Geschmack der Weitgereisten, die überall schon mal gewesen sind. Poke Bowls scheinen dieses Lebensgefühl gerade besonders gut auf den Punkt zu bringen: Die Schüsseln mit roh mariniertem Fisch, Reis, Salat, Gemüse und einer variablen Zahl Toppings vereinen kalifornisches Gesundheitsbewusstsein, hawaiianische Gelassenheit und japanische Kochkunst.

Ursprünglich stammt Poke – ausgesprochen Pokay, übersetzt mit "in Stücke geschnitten" – aus Hawaii. Dort ist es typisches Street Food und so beliebt, dass man es abgepackt im Supermarkt kaufen kann. Das kam so: Einheimische Fischer rieben ihren Fang mit Meersalz ein, um ihn haltbar zu machen, aromatisierten ihn mit Nussöl, Seetang und Meeresalgen und aßen das Ergebnis entweder selbst oder verkauften es günstig weiter. Ende des 18. Jahrhunderts fanden japanische Einwanderer Gefallen an dieser Tradition, verwendeten allerdings statt einfacher Fischarten Gelbflossenthunfisch. Erst in den Siebzigerjahren wurde das Gericht um Reis ergänzt, angelehnt an japanisches Donburi, eine Art Sushi in Schüsselform. Einwanderer aus China und Korea verfeinerten Poke mit ihren eigenen Zutaten, Austernsoße etwa, Shoyu oder Kimchi. Von Hawaii gelangte das Gericht nach Kalifornien, erwies sich schnell als die perfekte Ergänzung zu Yoga und Grünkohlshakes und war nun endgültig Kosmopolit.

Poke ist gesund und hübsch anzusehen. Gesund, weil es low carb und voller frischer Zutaten ist. Und Instagram-tauglich ist es auch: Keine Schüssel gleicht der anderen, alle sind so bunt, dass sich das Auge gar nicht sattsehen will. Die vielen Aromen und Texturen sorgen für Spannung in der Schüssel, durch den Reis sättigen Poke Bowls und sind trotzdem leichte Gerichte, ideal also für einen Sommer wie diesen. Aus gastronomischer Hinsicht sind sie außerdem easy in der Zubereitung.

Das haben auch Laura Eckrodt und Asif Oomer erkannt, die in Berlin das Restaurant L.A. Poke betreiben. Bei ihnen gibt es zum Beispiel eine Bowl mit Gelbflossenthunfisch, eingelegten Ingwer, Wasabi-Aioli und einer Marinade aus Miso, Ingwer und Sojasoße. Die Spicey-Tuna-Variante wird mit zerdrückten Avocados und Rogen serviert, die vegane Version mit Tofu und marinierter Ananas. Wer damit nicht glücklich wird, stellt sich selbst etwas zusammen: mit Ingwer-Honig-Tempeh etwa, mit Edamame-Bohnen, Wakame-Algen, der Gewürzmischung Togarashi oder einer Mayonnaise aus der Zitrusfrucht Yuzu. Alle Gerichte sind glutenfrei, das ist den Besitzern wichtig, zu erwähnen. Man will eine junge, urbane Schicht da abholen, wo sie mit ihren Vorstellungen von Nahrungsmittelunverträglichkeiten gerade steht.

Eine Bowl-Variante mit mariniertem Thunfisch, Edamame-Bohnen und Avocado © L. A. Poke

Es fällt leicht, sich über den Trend lustig zu machen: Schöne Menschen posten glutenfreie Avocado-Kimchi-Sushi-Bowls, Hashtag #foodgasm und #bowlofhealth. Dabei ist Thunfisch vom Aussterben bedroht und die Avocado aufgrund ihres hohen Wasserverbrauchs nichts fürs gute Gewissen. Und überhaupt: fangfrischer Fisch in Berlin-Mitte? Doch damit täte man den Poke Bowls unrecht und auch Eckrodts und Oomers Restaurant. Das Ambiente wirkt mit seinen marshmallowfarbenen Wänden – Vorbild war David Hockneys berühmtes Pop-Art Gemälde A Bigger Splash – wie ein überdimensionierter Pool. Am liebsten würde man direkt seine Schuhe ausziehen. Ein Schriftzug in Neonschrift lautet: "I like it raw".

Rohe Zutaten sind Grundbedingung, außerhalb ihres Heimatlandes ist aber mittlerweile sehr viel an Poke Bowls verhandelbar. Manche Hawaiianer ärgern sich über die weitverbreitete falsche Schreibweise Poké ebenso wie über Hipster-Toppings mit Ananas und Roter Bete. Alle anderen freuen sich über die Wandelbarkeit. Es gibt sie für Pescetarier, Fleischliebhaber und Veganer. Wer keinen weißen Reis mag, nimmt braunen, Süßkartoffeln oder spiralisierte Zucchini als Nudeln. Wer sich nicht entscheiden kann, alles auf einmal. In die Schüssel passt ja eine Menge rein.

Schüssel muss auch sein, damit die Poke Bowl richtig serviert werden kann. Diese Darreichung liegt aber ohnehin im Trend. Teller? Braucht gerade kein Mensch. Sondern den Sprung in die Schüssel, von Frühstück bis Abendessen. Prinz Harry und Herzogin Meghan haben ihren Hochzeitsgästen kein klassisches English Breakfast, sondern Breakfast Bowls serviert. In so was befinden sich zum Beispiel Joghurt, Früchte und Granola, dekorativ geschichtet. Für eine Smoothie Bowl am Morgen wird das Obst püriert und dann aus der Schüssel gelöffelt. Mittags gibt es eine Buddha Bowl mit Reis, Gemüse und Salat, am besten noch mit sogenannten Superfoods wie Chiasamen oder Gojibeeren bestreut. Zum Abendessen kommt dann eine Sushi Bowl auf den Tisch, bei der die üblichen Zutaten nicht zusammengerollt sind, sondern getrennt arrangiert werden. Oder eben eine Poke Bowl.

Mit ihrem Baukastenprinzip bestätigt sie den Hungrigen in seiner Individualität und seinem eigenen Geschmack. Mit dem Sprung über Länder und Kontinente ist sie demokratisch – und lässige Lebensart transportiert sie außerdem. Das gilt auch für das ebenfalls in Berlin beheimatete Ma’Loa, wo man, von Surfbrettern und Hängepflanzen umgeben, hawaiianisches Bier trinkt. In Köln geht man zu Poké Makai, das mit dem schönen Slogan "Alaaf meets Aloha" wirbt, in München zu Aloha Poke, in Hamburg zu Kailua Poké oder in das vom Sternekoch Karlheinz Hauser betriebene Poké You. Offenbar findet auch die gehobene Gastronomie Gefallen an regenbogenfarbenen Schüsseln. So wie das britische Königshaus. Nach einer kurzen Phase der Irritation – viele besorgte Bürger fragten in den sozialen Netzwerken, was "dieses Bowl Food" bei der Hochzeit denn gewesen sei – kam die Idee, viele leckere Dinge zusammen in einer Schüssel zu servieren, recht gut an.

Kommentare

39 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren