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Weinanbau "Um unsere Reben herum ist Wüste"

Auch die Winzer trifft die Dürre. Doch gleichzeitig profitieren sie vom Klimawandel, denn er führt in Deutschland zu besseren Weinen. Der Jahrgang 2018 kann groß werden. Von

Täglich bewässert die Winzerin Christine Huff derzeit ihre Weinhänge. "Lebenserhaltende Maßnahmen", sagt sie. In ihrem Weingut in Nierstein-Schwabsburg in Rheinhessen bedroht die anhaltende Dürre die Weinstöcke in den steilen Steinhängen. "Die Reben leiden unter dem Wasserstress, verlieren ihre Blätter und die Trauben verschrumpeln in der Hitze", erklärt sie. Das Bewässern am Hang ist aufwändig. "Wir versuchen zu retten, was zu retten ist, aber wir kommen kaum hinterher." In den flacheren Lagen sieht es besser aus. Doch auch hier ist die Trockenheit zu spüren. Im gesamten Juli gab es in ihrem Weingut nur fünf Liter Niederschlag pro Quadratmeter, bei Temperaturen von bis zu 41 Grad. Im vergangenen Jahr waren es 119 Liter pro Quadratmeter im Juli ,der Monatsdurchschnitt liegt bei 62 Litern pro Quadratmeter).

Die wochenlange Dürre in Deutschland bedroht die Existenz vieler Landwirte. Welche Auswirkungen hat das extreme Wetter auf den Weinbau? Und wie verändert der Klimawandel den Wein? Winzer und Winzerinnen wie Christine Huff beobachten schon seit etwa zwei Jahrzehnten eine Häufung von Wetterextremen, vor allem von langen, heißen Trockenperioden und Unwettern. Viele müssen mühsam ihre Weinstöcke bewässern, damit ihre Pflanzen nicht eingehen.

Gutes Klima für Rotwein

Dennoch sollte 2018 ein guter Jahrgang werden, sagt Ulrich Fischer, Leiter des Instituts für Weinbau und Önologie in Neustadt an der Weinstraße, dem seit ein paar Tagen die ersten Reifemessungen des Jahrgangs vorliegen. "Wir sind in der Reifung so früh dran wie im Rekordsommer 2003", sagt der Professor. "Momentan gehen wir von einem säuremilden Jahrgang aus, außer wenn September und Oktober überraschend kühl werden, und von einem sehr guten Rotweinjahrgang." Durch das gute Wetter zur Blütezeit hängen überdurchschnittlich viele Trauben an den Weinstöcken, die Hitze und starke Sonneneinstrahlung sollen nun einen vollreifen Jahrgang bringen. "Wir dürfen uns auf kräftig ausgefärbte, aromatische Weine freuen", sagt Ulrich Fischer. Etwas Wasserstress sei für Rotwein sogar gut, sagt auch Christine Huff: "Die Trauben werden dann gehaltvoller und kriegen mehr Farbe."

Für die Winzer sieht Fischer derzeit keine hitze- und trockenheitsbedingten Ernteausfälle. "Anders als etwa Getreide wurzeln die Reben, die teilweise zehn und zwanzig Jahre alt sind, sehr tief", sagt er. Sie können sich also auch dann noch mit Wasser versorgen, wenn es lange nicht regnet. Einzig bei den Junganlagen, so Ulrich Fischer, müsse man dürre Trauben herausschneiden, weil die Wurzelsysteme noch nicht so kräftig ausgebildet sind. Die Voraussetzungen für den Jahrgang sind Ulrich Fischer zufolge gut bis sehr gut. "Nun bräuchten die Trauben allerdings dringend Wasser." Beziehungsweise: mehr Wasser.

20 Kilometer nördlich von Christine Huff betreibt Eva Vollmer ihr Weingut. "Um unsere Reben herum ist Wüste, ich weiß nicht, wie lange sie das noch aushalten", sagt sie. "Wir haben zwar mehr Trauben als sonst, aber ohne Saft, für den sie Regen bräuchten." Auch Vollmer geht von einem fulminanten Jahrgang aus – wenn sie die Weinstöcke über die Dürrezeit bringt und sie kein Unwetter mehr trifft.

Etwas Wasserstress ist für Rotwein sogar gut. Die Trauben werden dann gehaltvoller.
Christine Huff, Winzerin

Für Ulrich Fischer, der vor dem Studium eine Winzerlehre absolvierte und selbst ein Weingut besitzt, überwiegen insgesamt die positiven Auswirkungen der Erderwärmung auf den hiesigen Weinbau. "Die meisten Winzer in Deutschland profitieren vom Klimawandel", sagt er. "Die unreifen Jahrgänge, die wir in den Achtzigern hatten, gibt es nicht mehr." Die Reben mögen es warm. Seit 30 Jahren habe es keinen schwachen Jahrgang mehr gegeben. Unwetter infolge des Klimawandels, besonders Hagel, können allerdings die Ernte ganzer Hänge zerstören. An jedem schwülen Tag haben die Winzer Angst vor einem Gewitter.

"Mediterrane Rebsorten werden hierzulande zwar nicht jedes Jahr superreif", sagt Ulrich Fischer, "aber liefern fast immer eigenständige Weine." Frühburgunder dagegen werde fast nicht mehr angebaut, "weil er zu früh reif wird und dann schnell von Wespen oder Fäulnis befallen wird." Tendenziell werde er auch recht alkoholisch, was derzeit nicht gefragt sei. Stattdessen setzen die Winzer auf Spätburgunder.

Mehr experimentiert wird in Deutschland auch mit typisch französischen Rotweinsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah. Rotwein, der derzeit 37 Prozent der Anbauflächen in Deutschland ausmacht, wird Fischer zufolge in Zukunft eine größere Rolle spielen. Beim Weißwein wird später reifender Chardonnay angepflanzt statt Müller-Thurgau, der zu früh reift. "Müller-Thurgau wurde vor 135 Jahren gezüchtet, damals hat die Rebsorte ins Klima gepasst", sagt Ulrich Fischer.

Kommentare

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Aber wenn es doch auch Gewinner gibt, wollen Sie diese Nachricht unterschlagen? Gehört das nicht zu einer vollständigen Informationslage hinzu?

Auch wenn der Klimawandel insgesamt wohl deutlich negativ zu Buche schlägt, scheint mir selektive Information ebenso falsch wie Panikmache vor einer "globalen Umweltkatastrophe". Können wir Probleme nicht einmal ohne schwarz-weiß-links-rechts-Denken angehen?