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Mai Tai Auch ein Schirmchendrink kann Stil haben

Tiki-Drinks eilt ein schlechter Ruf voraus. Doch Barkeeper wie Thomas Stingl zeigen, dass aus Frucht, Sirup und Rum mehr zu machen ist als trügerisch süße Alkoholbomben. Von
Aus der Serie: Absacker

Ist ein Mojito ein Longdrink? Muss bei einer Margarita immer ein Salzrand ans Glas? Und wie viel Zitrone gehört in einen Whiskey Sour? Unsere Serie "Absacker" beantwortet diese Fragen und verrät Ihnen, wie Sie sich selbst den richtigen Drink für einen perfekten Abend mixen können. Denn hinter jedem Drink verbirgt sich ein Lebensgefühl.

Was ist klebrig-bunt, trägt Schirmchen oder Plastikblume und bringt viele Anhänger der sogenannten Trinkkultur zur Verzweiflung? Der Tiki-Drink. Fast jeder hat damit seine Erfahrung gemacht, auch und gerade jene, die heute die Nase rümpfen. In der Dorfdisco zum Beispiel, wo der Zombie nicht zuletzt deshalb die beste Wahl war, weil er drei verschiedene Sorten Rum enthielt. Auf dem Sommerfest der freiwilligen Feuerwehr, wo der fünfte Sex on the Beach die Kombination von Planschbecken und aufgeschüttetem Sand in eine tropische Fantasie verwandelte. Auf der Klassenreise, wo es den Piña Colada praktischerweise in der vorgemixten Eineinhalbliterflasche gab. Selbst "Mad Men"-Ikone Don Draper, der immer wieder herhalten muss als Beispiel für einen stilvollen Trinker, tauscht bei einem Hawaiitrip seinen bewährten Old Fashioned gegen ein milchiges Getränk mit Schirmchen. Don Draper! Mit Schirmchen!

Wie konnte es so weit kommen? Ende 1933 wurde in den USA die Prohibition aufgehoben. Endlich durften wieder Whisky und Gin importiert und im eigenen Land hergestellt werden. Zuvor bestand das Angebot hauptsächlich aus geschmuggeltem karibischem Rum. Was tun mit den Resten? Einer der ersten, der aus der Not eine Tugend machte, war Ernest Gantt. 1933 servierte er in der Bar Don the Beachcomber in Los Angeles kantonesisches Essen mit den passenden Cocktails, darunter die Klassiker Hurricane und Zombie. Einige Jahre später eröffnete Gantt, der sich selbst Donn Beach nannte, auf Hawaii die Waikiki Beach Bar nach ähnlichem Konzept.

Sein härtester Konkurrent war Victor Bergeron, der im kalifornischen Oakland das Trader Vic's betrieb. Sowohl Beach als auch Bergeron setzten auf Rum, Rum, Rum und eine Vielzahl mehr oder weniger exotischer Zutaten. Böse Zungen sagen: Die zehn, teilweise 15 Komponenten dienten dazu, den minderwertigen Geschmack des Alkohols zu überdecken. Von Anfang an wurde dabei ein Fernweh bedient, erst nach karibischen Inseln, später nach Hawaii, das 1959 zum 50. Bundesstaat der USA ernannt wurde. Schon etwas früher, nach dem Zweiten Weltkrieg, rollte dort in den Bereichen Kunst, Literatur, Musik, Innenarchitektur und Design im wahrsten Sinn des Wortes eine Südseewelle.

Bis heute werden die aus diesem Schaum geborenen Cocktails in sogenannten Tiki-Mugs serviert, überdimensionierten Bechern aus Holz oder Keramik in Form von Osterinselskulpturen oder Südseegöttern. Beliebt ist auch die ausgehöhlte Kokosnuss. Kredenzt wird gerne in passender Atmosphäre, zwischen Baströcken, Bambusmatten, Fischnetzen und Lavasteinen. Mitunter raucht ein Vulkan. In Montana schwimmen sogar Meerjungfrauen durch ein hinter der Bar gelegenes Aquarium. Kein Wunder, dass seriöse Trinker über so etwas spotten.  

Dabei sind Tiki-Cocktails im besten Fall mehr als Rumvariationen. Sie enthalten exotische Spirituosen wie Curaçao oder Falernum, einen Likör mit Aromen von Nelken, Ingwer und Mandeln. Spannung entsteht durch die Zugabe von Bitters, Schärfe kommt durch Chilis. Doch die breite Masse ist nicht zu belehren. Sie trinkt, zum Schrecken vieler Bartender, auch im Erwachsenenalter ausgesprochen gerne schlicht süße Tiki-Drinks. Weil sie süffig sind und kaum nach Alkohol schmecken. Denn mit dieser Tatsache muss man sich abfinden: Menschen trinken nicht nur aus sensorischen Gründen, sondern auch, um betrunken zu werden.

Gemessen an dieser schlechten Gesellschaft spezialisieren sich gerade auffällig viele anspruchsvollere Bars auf Tiki-Drinks, auch im deutschsprachigen Raum. Eine davon ist die Blume von Hawaii in Nürnberg. Für deren Betreiber Thomas Stingl sind Zombie, Hurricane und Co. nichts, wofür man sich schämen muss, im Gegenteil: "Was für eine tolle Herausforderung, aus so vielen exotischen Zutaten ein stimmiges Ganzes zu kreieren!" Dementsprechend feiert die Einrichtung seiner Bar in Form von Bastmöbeln, Bambusrohren und Aloha-Postern einen hemmungslosen Südsee-Eskapismus. Stingl selbst trägt bevorzugt Hawaiihemd und ist großflächig tätowiert. Auf seiner Wade leuchtet der Kopf von Donn Beach, an anderer Stelle das Trader-Vic's-Logo.

Wer den Mai Tai erfunden hat, ist wild umstritten. Thomas Stingl feilt in seiner Nürnberger Bar an der perfekten Rezeptur. © Eva Biringer für ZEITmagazin ONLINE

Für uns mixt der 49-Jährige eine der 14 Mai-Tai-Variation, die er im Programm hat. Seine besondere Beziehung zu dem Drink erklärt er wie folgt: "Der Mai Tai war mein erster Cocktail nach 16-jähriger Alkoholabstinenz. Seitdem feile ich unentwegt an der perfekten Rezeptur." Das Original besteht aus Orangenlikör, Limettensaft, Zuckersirup, dem Mandelsirup Orgeat und 17 Jahre altem jamaikanischem Rum. Der Legende nach riefen die ersten Tahitianer, denen dieses Getränk serviert wurde: "Mai Tai Roa Ae!" Zu Deutsch: "Nicht von dieser Welt!" Also ziemlich gut.

Sowohl Donn Beach als auch dessen Gegenspieler Bergeron behaupteten, den Mai Tai erfunden zu haben. Der Fall landete vor Gericht und wurde zugunsten von Bergeron entschieden. Glücklicherweise machen die meisten Bartender heute kein so großes Geheimnis mehr um ihre Rezepte. Thomas Stingl jedenfalls freut sich, wenn er Menschen dazu bewegen kann, einen ersten, zweiten, dritten Schluck dieses nur vermeintlich unsubtilen Drinks zu kosten.   

Kahala Hula Hell

Zutaten:

  • 3 cl Limettensaft
  • 1,2 cl Orgeat (Mandelsirup)
  • 1,2 cl Zuckersirup
  • 1,5 cl Apricot Brandy
  • 4 cl Soursop Nektar, auch Guanabana genannt, erhältlich im Asialaden
  • 6 cl Mai Tai Rum Mix, Zubereitung siehe unten
  • 1 Zweig Minze
  • 1 Scheibe Limette

Zubereitung:

Für einen Liter Mai Tai Rum Mix 120 Milliliter Saint James Royale Ambre mit jeweils 440 Millilitern Smith & Cross Rum und Appleton VX mischen.

Eineinhalb Schaufeln Crushed Ice in einen Cocktailshaker geben. Den Mai Tai Rum Mix zusammen mit den restlichen Zutaten zugeben und kurz schütteln. In einen Mai Tai Mug füllen und mit Minze und Limette garnieren.

Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wo ist das Schirmchen auf dem Titelbild? Und wieso wird der drink in einer Blumenvase serviert? Dann interessiert mich noch das Rezept für Kahala Hula Dunkel.

"Denn hinter jedem Drink verbirgt sich ein Lebensgefühl." "Menschen trinken nicht nur aus sensorischen Gründen, sondern auch, um betrunken zu werden." "Trinkkultur". Klingt alles nach schlecht verhehlter Alkoholsucht mit einem guten Schuß billigsten Snobismus (der hier im Rezept ganz schön teuer wird).