© Ferdinand Dyck

Beyond Meat Burger Fleisch ohne Fleisch

Tierfreie Frikadellen, im Labor aus pflanzlichen Zutaten komponiert: Der Beyond Meat Burger kommt nach Deutschland. Schmeckt so was? Ein Nichtvegetarier testet. Von

Fünf Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet, doch jetzt, als ich ganz dicht dran bin, zuckt mir irgendwie der Zweifel durch Kopf und Magen.

Gerade hat mir der Koch einen Burger überreicht, und ich bin sofort auf ein paar Zentimeter an die Frikadelle zwischen den Brötchenhälften herangerückt. Ich halte den Teller gegen das Fenster des Cafés ins Licht; versuche, bereits am Äußeren jener etwa daumendicken Scheibe, über die schon die New York Times, die BBC und das Wall Street Journal berichtet haben, die Antworten auf meine drängendsten Fragen abzulesen. Zum Beispiel: Wie fluffig ist das Ding? Und wird da, wenn ich gleich reinbeiße, wirklich roter Saft herauslaufen?

Exakt 113 Gramm schwer ist die im Labor erschaffene Verheißung aus Erbseneiweiß, Bambuszellulose, Gummiarabikum, Kartoffelstärke, Ascorbinsäure, Rapsöl, Rote-Bete-Saft und einer Reihe anderer Raffiniertheiten. Als ich den Burger in den Händen halte, als ich aus den Augenwinkeln zwei junge Frauen ausmache, die sich mit ihren Exemplaren des Beyond Meat Burger in Selfies verewigen, als mir die erste Ahnung des Fleisches, das keines ist, in die Nase steigt, da denke ich: Was, wenn dieser Paradigmenwechsel der Welternährung – als den ihn der Hersteller anpreist – gar nichts für mich ist? Womöglich schmeckt mir der gefeierte Beyond Meat Burger aus dem fernen Kalifornien ja einfach nicht.

Dann beiße ich zu.

Es ist ein eisiger Tag in Berlin, nahe dem Potsdamer Platz. Vor den Fenstern hetzen die ersten Filmleute mit laminierten Schildchen um den Hals der Berlinale entgegen. Internationaler als hier und jetzt gibt sich diese Stadt selten. In der Filiale der veganen Donut-Kette Brammibal's unterhalten sich Touristinnen und Menschen, die nach Start-up aussehen, auf Spanisch, Englisch und vermutlich Chinesisch. Ein paar deutsche Provinzjugendliche schauen mit großen Augen zu. Dass die Erbseneiweiß-Frikadelle genau hier einen ihrer ersten Auftritte in Deutschland hinlegt, ist kein Zufall. Nirgendwo leben mehr Vegetarier und Veganer als in den großen Städten, nirgendwo verbindet sich deshalb auch mehr Hoffnung mit dem Heilsversprechen hinter Beyond Meat. In Los Angeles und New York bekommt man die Produkte seit knapp drei Jahren, in Berlin seit einigen Wochen, allerdings bislang nur im Großmarkt. Im Laufe des Jahres sollen sie aber auch im Supermarkt zu haben sein.

Der britische Koch Proof Ahira präsentiert seinem Beyond Meat Burger in Berlin. © Ferdinand Dyck

Ich hatte 2014 zum ersten Mal von dem Unternehmen hinter der Frikadelle gehört. Da war das mit dem "Laborfleisch aus Pflanzen" in den USA schon ein großes Thema, obwohl man das Ergebnis damals auch dort noch nicht probieren konnte. Mehrere Start-ups an der Westküste tüftelten, unterstützt durch Millioneninvestitionen von Bill Gates oder großen Lebensmittelkonzernen noch an der perfekten Formel. Und an einer ziemlich kühnen Idee: Sie wollten Fleisch künftig im Labor nachbauen. Aus Pflanzen. Mit einem Mal sollte es nicht mehr bloß darum gehen, nach bereits bekannten Lebensmitteln Ausschau zu halten, die einen das Fleisch möglichst wenig vermissen ließen.

Burger mit rein pflanzlichen Zutaten bekommt man längst überall, nicht nur in Berlin. Die Patties, also die Frikadellen, sind aus Tofu, Seitan oder Hülsenfrüchten zusammengebaut und überzeugen in Textur und Aroma mal mehr, mal weniger. Für Fleisch-Vielesser sind sie selten eine Alternative.

Gerade diese Menschen sollten die neuen Produkte nun begeistern – indem sie sich optisch, aber auch im Eindruck auf der Zunge und am Gaumen von echtem Fleisch kaum mehr unterscheiden ließen. Wegen der chemischen Zusammensetzung ihrer Fasern, der Verteilung des Fettes dazwischen, dem blutroten Saft, der beim Kauen aus ihnen hinausläuft.

Beyond Meat hatte seine Versuche 2009 gestartet und setzte auf Erbsenproteine, um die Textur der Muskelfasern nachzubauen, den roten Fleischsaft imitierte man mit Rote-Bete-Saft. Impossible Foods, der wichtigste Konkurrent, dessen Burger man in Deutschland noch nicht bekommt, entschied sich für Weizenprotein und Leghämoglobin, Proteine aus bestimmten Wurzeln, die mit denen in Blut und Fleischsaft verwandt sind.

Das Ziel der beiden Start-ups war dasselbe: Pflanzliches Fleisch solle einen möglichst großen Beitrag dazu leisten, die gewaltige Menge an Treibhausgasen, die bei der Erzeugung von Fleisch entsteht, zu senken. Laut einer Studie von 2018 sind die fünf größten Fleisch- und Molkereikonzerne der Welt für mehr schädliche Emissionen pro Jahr verantwortlich als Exxon-Mobil, der größte Ölkonzern. Man wolle mit seinem Produkt "die Welt zu einem besseren Ort machen", schreibt Beyond Meat auf seiner Website, es gehe um "die Zukunft des Proteins" – also darum, die wachsende Menschheit nachhaltig mit Eiweiß zu versorgen.

Für Leute wie mich, die Fleisch gern essen, aber aus ethischen Überlegungen versuchen, möglichst oft darauf zu verzichten, klingt die Idee genial: hin und wieder in eine saftige Pflanzenfrikadelle zu beißen, wenn man eigentlich Lust auf Rindfleisch hat – solange das Ding halbwegs vernünftige Zutaten enthält. Und schmeckt, natürlich.

"Ich kenne kein Produkt, das in seinem Geruch und Geschmack so nah an Fleisch herankommt wie diese Frikadelle", verspricht Proof Ahira. Für drei Tage präsentiert der 31-jährige britische Koch in Berlin zwei Varianten des Beyond Meat Burger, für den er die Patties fertig zubereitet und tiefgefroren gekauft hat. Es gibt sie wahlweise im Brioche-Brötchen (12,50 Euro) oder im Donut mit Ahornsirup-Zuckerguss (12 Euro), drum herum jeweils veganer "Bacon" und veganer "Käse", ein Salatblatt, eine Tomatenscheibe, eingelegte Gurken, Burger-Sauce, Ketchup und Senf. Das Ergebnis ist ansehnlich: Die braun-gold glänzende Kruste des Brioche-Brötchens schaut weich und doch knusprig aus, das Salatblatt und die Tomatenscheibe wirken knackig frisch, das falsche Fleisch und der vegane Käse wunderbar saftig.

Doch schon beim Duft des Burgers, der mir in die Nase steigt, zweifle ich. Und tatsächlich, der erste Bissen ist enttäuschend. Das Ganze geht nicht auf. Der "Käse" ist mir zu quietschig, der "Bacon" in seiner künstlichen Rauchigkeit zu aufdringlich. Dem Koch kann ich keinen Vorwurf machen, nur den Zutaten. Ich habe das Problem häufig bei veganen Ersatzprodukten. Sie schmecken für mich nach dem, was sie sind: Ersatz, nicht Original. Und das ist leider das Gegenteil dessen, weswegen ich gekommen bin.

Aber ich gebe nicht auf und befreie die Erbseneiweiß-Frikadelle erst aus dem Burger, dann vom verblüffend hartnäckigen Labor-Cheddar. Ich breche eine dicke Kante ab, schiebe sie mir in den Mund, schließe die Augen, kaue.

Die Textur ist verblüffend nah dran an Hackfleisch, die kurzen Fasern leisten fast genau den rechten Kauwiderstand, ohne jenes schwer zu beschreibende Gummi-im-Mund-Gefühl, das so oft nervt am Fleischersatz. Und obwohl ich keinen roten Saft erkennen kann, der irgendwo herausliefe, bleibt es sogar beim sechsten und siebten Bissen saftig. Geschmacklich liegt die Beyond-Meat-Frikadelle zwar einen halben Aromaton daneben, das lässt sich jedoch mit einem dicken Stück Tomate leicht übertönen. So könnte ich sie mir im Sommer frisch vom Grill vorstellen.

Sie ist nämlich der überzeugendste Fake, der mir bisher zwischen die Zähne gekommen ist. 

Kommentare

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"Also - entweder bin ich Vegetarier oder meinetwegen auch Veganer, dann brauch ich nichts das was die "Aura von Fleisch" illusioniert. Dann esse ich ehrlicherweise nur das möglichst unbehandelte Produkt."

Ich aber u.U. als Fleischesser und das nicht mal aus ethischen Gründen:

1. Wenn das Produkt günstiger und noch etwas besser wird (das Hauptproblem dürfte hierbei eher das patent als die Zutaten sein), könnte es eine brauchbare alternative zum nicht ganz billigen Rindfleisch werden - insbesonderre auch auf Fertigprodukten die mit Rind gerne mal spürbar teurer oder seltener sind als mit Hähnchen oder Schwein...

2. Wenn es wirklich so gut ist, kann ich u.U. auch darauf zurück greifen wenn ich vegi-Gäste habe und muss nicht zweierlei machen.

3. Wenn ich von Veggi-Bekannten in ein Veggi-Resturant eingeladen werde, könnte das durchaus eine Verbesserung sein, wenn so was im Angebot ist...

4. Rinfleisch (Ersatz) könnte in die indische Küche Einzug halten

5. Vielleicht kann man damit noch ein paar andere interessante Eigentümerschaften - im Moment versucht man ans Rind ran zu kommen - aber wenn das funktioniert kann man damit vieleicht auch Fleischsorten immitieren die auch für uns nicht Veggis schwer zu bekommen sind - z.B. Krokodil soll angeblich ganz gut schmecken habe ich gehört und was ist mit vom austerben bedrohten Tieren (uns selbst Kannibalen könnten endlich auf ihre Kosten kommen ohne gegen das Gesetz verstoßen zu müssen)...

*sollte natürlich heißen "und selbst Kannibalen [...]" hinzu kommen Kleintiere wie Eichhörnchen und Meerschweinchen etc. die in manchen Regionen als sehr lecker gelten, hier aber aus verschiedenen Gründen nicht gegessen werden.

Die frage ist halt: Wie nah kommt man tatsächlich an original (perfekt war es ja scheinbar noch nicht und ALDI-Buletten sind halt auch was anderes als z.B. Black Angus oder Wagyu, ohne die von ALDI jetzt schlechter machen zu wollen, als sie sind) - aber "Spetzialfleisch" wäre halt ne Option, dass auch dann vermarkten zu können, wenn man nicht primär über den Preis oder das "Moral-Food-Segment" gehen will oder kann...
...in so far.

Meine volle Zustimmung!
Mir wird es immer rätselhaft bleiben, warum sehr viele Vegetarier Wert darauf legen, dass ihr (vegetarisches) Essen in Aussehen und Geschmack Fleisch so nahe wie möglich kommt!
Nach inzwischen fast 30 Jahren fleischfreier Ernährung hat sich bei mir glücklicherweise der Ekel vor dem Fleischgeruch und -geschmack gelegt (auch wenn ich immer noch nicht an einer Metzgerei vorbeigehen kann, ohne mir die Nase zuzuhalten); dennoch sehe ich nicht, warum beispielsweise ein Tofubratling unbedingt in Schnitzelform dargeboten werden muss.