Brennnessel-Gimlet Diesen Klassiker gibt es jetzt auch in Grün

© Sarah Swantje Fischer
Der robuste Gimlet wurde mal von einem Konteradmiral erfunden. In der Bar des Jahres 2019 wird daraus ein subtiles Getränk – mit pulverisierten Kreuzberger Brennnesseln. Von
Aus der Serie: Absacker

Ist ein Mojito ein Longdrink? Muss bei einer Margarita immer ein Salzrand ans Glas? Und wie viel Zitrone gehört in einen Whiskey Sour? Unsere Serie "Absacker" beantwortet diese Fragen und verrät Ihnen, wie Sie sich selbst den richtigen Drink für einen perfekten Abend mixen können. Denn hinter jedem Drink verbirgt sich ein Lebensgefühl.

Auf der Suche nach dem perfekten Getränk kann es sich lohnen, nicht gleich in einer Bar, sondern erst mal bei einem Schriftsteller nachzusehen. Etwa bei Raymond Chandler, bekannt für seinen scharfkantigen Stil und für seinen großen Durst. Die Protagonisten seiner Romane, darunter der Privatdetektiv Philip Marlowe, sind stets hard boiled, knallhart im Umgang mit anderen und sich selbst. Was trinken solche Männer gern? Gimlet. 21-mal kommt das Wort in Chandlers Roman Der lange Abschied vor. So heißt es an einer Stelle: "Was die hier einen Gimlet nennen, ist einfach Zitronen- oder Limettensaft mit Gin und einem Schuss Zucker und Bitterbier. Ein richtiger Gimlet besteht zur einen Hälfte aus Gin und zur anderen aus Rose's Lime Juice und aus sonst nichts."

Aus heutiger Sicht würden viele Bartender dem widersprechen. Festgehalten werden kann aber, dass es sich um eine Gin-Sour-Variation mit kurzer Zutatenliste handelt. Manche mixen den Gimlet mit frischem Limettensaft und Zuckersirup, andere greifen auf den eingangs erwähnten Rose’s Lime Juice zurück – ein solcher Lime Cordial lässt sich aber leicht selbst herstellen, in bester Qualität.

Anfangs sollte der Gimlet allein der Gesundheit dienen. Um ihre Seefahrer vor Skorbut zu schützen, verabreichte die Royal British Navy ihnen im 19. Jahrhundert Vitamine in Form von Limettensaft, der, im Gegensatz zu frischem Obst, auch auf langen Überfahrten frisch blieb. Vermutlich war es der Konteradmiral und Arzt Thomas Desmond Gimlette, der auf die Idee kam, diesen Saft mit der Tagesration Gin zu mischen.

Es gab eine Tagesration Gin? Ja. Kein Wunder, dass der Name des Drinks dem Flottenarzt huldigt. Gimlet ist allerdings in wörtlicher Übersetzung auch ein Holzbohrer – das könnte eine Verbindung zu den bohrenden Kopfschmerzen sein, die zu viel Gin mit sich bringt.

Aber ist der Gimlet wirklich so ein robuster Drink? Ruben Neideck schüttelt den Kopf. Sein Arbeitsplatz ist das Velvet in Berlin, das von dem Magazin Mixology zur Bar des Jahres 2019 gekürt wurde. Jede Woche erstellen die vier Mitarbeiter eine neue Karte auf Basis von dem, was Landwirte aus der Region ihnen liefern oder was sie selbst gepflückt und gesammelt haben. Am Labortag werden Fichtennadeln destilliert, Portobello-Pilze zu Schnaps gebrannt und ätherische Öle aus Kräutern extrahiert. Da, wo in anderen Bars der Eiswürfelautomat steht, trifft man im Velvet auf einen Rotationsverdampfer.

Jetzt, da das Frühjahr kommt, steht eine Gimlet-Version auf der Karte, schlicht benannt nach ihrer Hauptzutat: Brennnessel. "Die haben wir letzten Sommer in Kreuzberg gepflückt", sagt Neideck, während er menorquinischen Gin mit Limettencordial verrührt, selbstverständlich hausgemacht. Hinzu kommen Sake, Sauerkirschbrand und Minz-Geist. Bevor er den Drink in ein vorgekühltes Glas gibt, lässt er auf dessen Rand Brennnesselpuder rieseln.

Für den Puristen Raymond Chandler hätte dieser Gimlet entschieden zu viele Zutaten gehabt, den Gästen des Velvets hingegen schmeckt er so gut, dass er bereits als Klassiker gilt. Nur über eine Sache darf man sich nicht beschweren: dass die Zähne hinterher grün gesprenkelt sind.

Am liebsten frisch gepflückt: Für das Velvet in Berlin nutzt Ruben Neideck Kräuter, um sie zu pulverisieren oder ätherische Öle zu extrahieren. © Sarah Swantje Fischer

Brennnessel-Gimlet

Zutaten:

  • 50 ml Xoriguer Mahon Gin
  • 25 ml Gekkeikan Nouvelle Honjozo Sake
  • 20 ml hausgemachter Lime Cordial (Rezept siehe unten)
  • ½ Barlöffel Maraschino
  • 1 Spritzer Krause-Minze-Geist vom Berliner Freimeisterkollektiv

Garnitur:

  • 4 Sprüher Schattenmorellenbrand von Humbel
  • Brennnesselpuder

Für das Brennnesselpuder:

  • frische Brennnesseln

Für den Lime Cordial (ergibt 1 Liter):

  • 18 Limetten, deren Zeste
  • 600 g raffinierter Zucker
  • 400 ml destilliertes Wasser
  • 23 g Agar-Agar
  • 800 ml Limettensaft, frisch gepresst und gefiltert
  • 10 g Zitronensäure
  • 7 g Apfelsäure

Zubereitung:

Für das Brennnesselpuder junge Brennnesselpflanzen waschen, trocken tupfen und im Ganzen aufhängen, bis sie getrocknet sind. Anschließend in einem Blender auf höchster Stufe zu feinem Pulver mahlen.

Für den Lime Cordial Limettenzesten zusammen mit Zucker für mindestens 24 Stunden in ein verschließbares Gefäß geben, dabei gelegentlich schütteln. 

Anschließend Wasser zum Kochen bringen, Agar-Agar darin auflösen und langsam Limettensaft einrühren. In der Gefriertruhe für mindestens 24 Stunden gefrieren lassen. Anschließend den gefrorenen Block in ein Passiertuch wickeln, in eine Schüssel legen und in der Mikrowelle bei niedriger Wattzahl für 20 bis 30 Minuten antauen lassen. In der Schüssel sammelt sich geklärter Limettensaft.

Zesten aus dem Zucker entfernen. Mit 600 Millilitern geklärtem Limettensaft mischen. Restlichen Saft aufkochen, dann Zitronen- und Apfelsäure zugeben. In saubere Flaschen abfüllen.

Für den Gimlet den Rand einer Cocktailschale dünn mit Lime Cordial bestreichen und mit Brennnesselpuder bestäuben. Alle Zutaten bis auf den Schattenmorellenbrand mit Eiswürfeln kaltrühren. In die Cocktailschale geben, mit Schattenmorellenbrand besprühen und servieren.

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